Der runde Mond ging damals nicht anders auf als heute: ohne Glanz,
vielmehr im stumpfen Rot einer geschälten Tomate, samten weich
und unergründlich, den Menschen und das Meer leidenschaftlich
bewegend.
Unter diesem Mond, der langsam in die Höhe steigt, erbleicht
und das Meer in einen silbertropfenden Schuppenleib verzaubert, hier
auf diesem Kastell schrieb Vittoria Colonna ihre unvergeblichen und
unvergänglichen Sonette. Der Held ihrer Strophen, die ihren Ruhm
durch ganz Italien trugen, war Ferrante Francesco d’Avalos,
der Marchese von Pescara, aus dem Geschlechte spanischer Granden,
die mehr als zweihundert Jahre Vizekönige von Neapel und der
Insel waren. Hier auf diesem Kastell wur den sie beide in einer Hochzeit
von unvorstellbarer Festlichkeit getraut, und der Marchese von Pescara
wurde der ruhmreichste Held seines Jahrhunderts.
Der Marchese von Pescara starb jung an den Wunden, die er in der Schlacht
von Pavia gegen Franz I, von Frankreich empfangen hatte. Zehn Jahre
trauerte Vittoria auf diesem Kastell, ehe sie, fürstlich in Rom
empfangen, die Freundschaft Michelangelos erwarb. Seine Sonette und
Gedichte für sie machten Vittoria Colonna unsterblich, und auf
immer schwebt dieser Glanz über dem Kastell und über Ischia,
das vorher schon Bernardo Tasso, Torquatos Vater, in einem Gedicht
für Vittoria verherrlicht hatte.
Der Mond ist der gleiche geblieben. Der Blick auf den Vesuv und seine
Wolkenkrone, der Epomeo, in den dieses ganze Eiland hinaufzuströmen,
scheint, und dieser Trachyt-Felsen der eigens dafür geschaffen
schien, das Kastell zu tragen, dies alles ist unverändert, nur
nicht das Kastell, das ein Mittelpunkt war von Schönheit, Geist
und Macht. Das Kastell ist heute nur noch Herberge für Regen
und Sturm, erbarmungslose Sonne, Unkraut und Melancholie, ein Grabmal
der Vergänglichkeit. Auch die Kathedrale ist der Zerstörung
preisgegeben; wenige Stuckreste, Blumenornamente, ein Engelskopf mit
Flügeln träumen noch den Traum von einstiger barocker Schönheit.
Das Barock kleid war ihr letztes. In dieser Kirche hatte man zweihundert
Jahre zuvor, als sie fast noch Kinder waren, Italiens grösste
Dichterin mit dem grössten Helden ihrer Zeit vermählt. Erinnerungsstätten,
die man hüten sollte! Jetzt hortet man Trauben in den Ruinen,
und Kinder stampfen sie aus und singen. Goldbraune Ziegen grasen hier
und sehen dich sprachlos an mit grünem Blick. Früher, ehe
die Agonie langsam begann, wohnten zweitausend Familien in dieser
Stadt am Berg. Doch noch immer schaut man hinauf zu dem vieltürmigen
Aragonesen-Schloss, zu dieser Fortifikation von Macht und Herrlichkeit
mit Gärten und Feigenbäumen, wie auf eine mit Edelsteinen
gezierte Krone zwischen Himmel und Meer. Mit einem über zweihundert
Meter langem Steindamm ist diese glanzvolle, wehmütigste aller
Inseln, Kastell genannt, auf der die spanisch-aragonesischen Könige
ihre Banner wehen liessen mit Ischia verbunden. Auf dieser Brücke
flicken jetzt die Fischer ihre Netze, die sie zum Trocknen, ausgebreitet
haben.
Diese Zeilen, lieber Freund, seien allem vorausgestellt.
Du wirst letzten Endes das Meer und den Strand ohne Begleitung finden
und den Wein, das Essen und die Herberge, doch nicht die Vergangenheit:
du siehst nur, was du weisst. Und du sollst wissen, dass diese in
der Erdgeschichte junge Insel, von deren vulkanischer Geburt, Untergang
und Wiedergeburt die Menschen Zeugen waren, Liebling der Götter
und Genien geworden ist. Zeus kam hier des Weges, hatte Ärger
mit einem Sohne Gäas, dem Gigantem, erschlug iln und begrub den
noch Zappelnden, noch Warmen unter Ischia. Circe war die Königin
dieser Insel, und als Odysseus schiffbrüchig und der Hilfe bedürftig
landete, pflegte sie ihn. Aeneas, der Sohn der Aphrodite und Ahnherr
Roms, setzte seinen Fuss auf diese Insel, später gefolgt von
griechischen Siedlern, die seinerzeit noch nicht den Mut oder die
Lust verführten, das italische Festland zu betreten. Die Gedanken
Homers und Vergils trafen sich auf dieser Insel, die damals vielleicht
Citarea hiess oder Enaria oder Pythekusa. So zahlreich wie die Liebhaber
waren die Namen, mit denen man sie schmückte, ehe man sie Ischia
nannte, was, aus dem Griechischen abgeleitet, soviel wie Insel der
Fischer heissen mag. «Nur hier lebt man wirklich», sagte
König Ludwig I. von Bayern und etwas Ähnliches die berühmte
Porträtmalerin der europäischen Höfe, Madame Vigée-Le
Brun. Heute zieht Ischia die bekannten Maler Gilles, Purmann und Bargheer
immer wieder und unwiderstehlich an. Auf diesem in der Entstellung
und seiner Geschiclite bewegten Eiland scheint sich die menschliche
Anima heftiger der Weltscheele zu vermählen als anderwärts.
In zwei Stunden fährt man von Neapel aus - an ihrer Vorbotin,
der zierlichen Insel Procida vöruber - nach Ischia. So wirst
da sie erleben: von Himmel und Meer dazu lichtblau umrahmt, vom Berge
Epomeo gekrönt, von Weinbergen und Kastanienwäldern lieblich
überzogen, von Pinien überragt, von dunkelgrünen Hainen
reich gezhert, in denen golden und rot die kleinen Monde der Orangen
längen, die Häuser von weitem heiter und leicht, als seien
sie Biskuit, hellblau, rosa, weiB und gelb, mit ihren vicien Bögen,
Loggien und gerundeten Fernstern mehr ein zaubrisch-süsses Bild
als Wirklichkeit; in der Nähe wie immer bröckelude Mauer,
verblichene Farbe, doch das erhöht wahrscheinlich nur den Reiz.
Dann der kleine, kreisrunde Hafen, ein Kratersee.
Die Mole tastet sich einer Schnecke gleich mit leicht gestrecktem
Bagen vor ins Ungewisse. Du kannst gleich hier an Ort und Stelle bleiben,
wenn du willst, manche sagen, Porto d’Ischia sei der schönste
Platz. Grosse und kleine Alberghi zum Aussuchen, sauber und modern,
du kannst dich in den terme comunali der Heilkräfte der beiden
Quellen, der Fontana und Fornello, erfreuen. Zu beiden Seiten des
Hafens erheben sich zwei Hügel, die alten Kraterränder.
Auf dem San Alessandro steht weiss und leuchtend über hohen Felsen
ein maurisches Schloss, mit Kuppel und Zinnen weithin zu erkennen.
An das steile Riff zu seinen Füssen schlägt das Meer. Maisfelder
bewegen sich in der leichten Brise, und Tamarisken verströmen
ihren kaum wahrnehmbaren Duft. Hier oben beginnt die Pineta, ein Wald
edelgewachsener Pinien. Gegen Abend schweben ihre Kronen dunklen Traumbooten
gleich vor dem verdämmernden Himmel.
Die schwingende Zartheit und Schwerelosigkeit der frühen Lyrik
Lamartines fand hier ihr Ebenbild. Von San Pietro aus, dem Hügel
San Alessandro gegenüber, sieht man das Kastell Vittoria Colonnas
schöner als von jedem anderen Platz, als wäre es allein
für diesen Ausblick hingesetzt. Dunkelblau sind die grossen Blüten
der Winden, die die rosa Kirche von San Pietro überwuchern.
Angesichts des Kastells denke ich mit heftiger Sehnsucht an das glühende
Sant’Angelo im Süden, das mit seiner Torre, seinem wie
ein Wehrturm ins Meer gesetzten Berg so sehr and das Kastell erinnert.
Mit einer der zierlichen Carrozzelle, die, von federgeschmückten
Pferden gezogen, leichtfüssig durch die Strassen rollen, kann
man es auf einer Fahrt um die halbe Insel erreichen.
Rechter Hand die jäh abfallende Küste, linker Hand die aufsteigenden
Weinberge, und dazwischen liegen immer wieder Orte, die zum Verweilen
locken: Casamicciola mit seinen Thermal - und Schlammbädern,
den heissen Grotten und dem hübschen Strand, Lacco Ameno mit
den stark radioaktiven Quellen und dem grossen Tuffelsen nahe der
Badebucht, der wie ein Riesenpilz aus dem Wasser ragt und Fungo heisst.
Den mit Reben überzogenen Monte di Vico lassen wir rechts zurück,
ebenso das Tal San Montano; auf einer in den Fels geschlagenen Strasse
erreichen wir Forio. Uberall ist der Duft des Meeres nahe, und immer
wieder, wie mit weiten Armen ausgestreut, leuchtet Bougainvillea,
die sich in dunklem Violett üppig über die weissen Häuser
zieht.
Serrara - Fontana am Südabhang des Epomeo und Barano, beide von
der Küste etwas zurückgenommen, höher gelegen, hätten
wir noch vor uns, dann wären wir mit unserer Carrozzella nach
vier Stunden Fahrt wieder in Porto d’Ischia.
Das letzte Stück in das kleine Fischerdorf Sant’Angelo
geht man zu Fuss. Wie aus dem Boden gestampft, quirlen Knaben herbei
in jeder Grösse, um einem alles Traghare abzunehmen und es nach
alter Sitte auf dem Kopfe balancierend in den Ort zu bringen. Die
Winzigkeit der Knaben und die Grösse der Gepäckstücke
stehen häufig in einem erstaunlichen Verhältnis. Der Wein
der Insel schmeckt köstlich, doch der Weinbau auf schmalen Terrassen
die Hügel hinauf ist mühsam; auch das reichste Meer hat
noch keinen Fischer reicht gemacht - so sind alle froh, wenn sie an
den Fremden etwas verdienen können, selbst die kleinstein Knaben.
Hier im Süden, wo im hohen Sommer die Sonne erbarmungslos herunterbrennt,
wo die steile Küste über das freie Meer hinaus den Blick
nach Afrika gewendet hält, erscheint die Natur am stärksten
und am reinsten. Die flachen Häuser steigen kreuz und quer die
felsige Anhöhe empor. Wie der Trachytfels, das Kastell, vor Ponte
d’Ischia, steht hier die Torre vor Sant’Angelo. Ein schmaler
Sanddamm bindet sie an an die Insel, rechts und links das Meer mit
seinen wechselnden Farben; oft ist es grün wie ein Katzenauge.
Links der neu entstandene Damm schützt bei Wellen und Sturm die
Boote am Strand, das kleine Schiff im Hafen. In einer halben Stunde
ist man um die felsige und grottenreiche Südküste herum
in Ponte d’Ischia.
Von Sant’Angelo durch Klippen getrennt, dehnt sich gegen Osten
unter der Steilküste bis schier ins Unermessliche der breite
Strand, die spiaggia dei Maronti. Am frühen Morgen ist er verlassen
und unberührt, und das Licht rieselt herab, gleissend und in
überwältigender Fülle. Trotz der frühen Stunde
ist der Strand warm, er ist warm von innen heraus, vor allem hier
in dieser ersten Bucht, wo die schwefligen Rauchfähnchen aus
dem Boden steigen. Es gibt immer wieder Menschen, die sich an dieser
Stelle ein Ei im Sande kochen. Die Temperatur des heilkräftigen
Sandes, die Fumarolen, die warmen oder heissen Quellen unter Wasser,
auf die man tritt, wenn man am Meerstrand spazierengeht, dies alles
sind Zeichen, dass das feuerspeiende Herz dieser Erde noch nicht erkältet
ist.
Langsam beginnt der Strand sich zu bevölkern. Immer öfter
begegnet man Männern und Frauen, die sich von bagnini im Sand
begraben lassen. Nur der Kopf blickt, auf einem Kissen von Sand gebettet,
aus dem Hügelgrab heraus. Man sei hinterher wie neugeboren, sagte
eine der Eingegrabenen, matt lächend, denn sie schwitzte sehr
unter dem Gewicht des warmen Sandes. Man muss allerdings mit seinem
Arzt sprechen, ehe man sich diesen belebenden und bei arthritischen
und rheumaschen Leiden heilsamen Kuren unterzieht. Vor allem aber
soll man das, wenn man weiter östlich in die wilde Schlucht der
Cava scura hinaufsteigt und dort in einer der Felswannen ein Thermalbad
nimmt. Díe Felskabinen werden von der Bademeisterin, der dicken
Angelina, mürrisch und genial mit einem Leintuch vor neugierigen
Blicken geschützt. Mit fünfundsechzig, achtundsechzig Grad
entströmen die Thermalquellen dem Boden, ehe sie in den Leitungen
aufgefangen werden. Sie sind seit langer Zeit sehr beliebt, ihre Heilkraft
erkannten schon die Römer; sie machen sogar fruchtbar, sagt man
ihnen nach. Manche Strandgänger verschreiben sich ganz und gar
der Sonne und dem Meer, und sie kehren diesem fast afrikanischen Lichtgetümmel
erst den Rücken, wenn es Abend wird.
In zwei drei kleinen Ristoranti kann man en plein air, luftig und
schattig, einen kleinen Imbiss und Getränke aller Art zu sich
nehmen. Frisch gefangene Fische in der Grösse von Heringen werden
von einem Knaben geschuppt und ausgenommen. Hin und wieder schreiten
Frauen und Mädchen mit der stolzen Haltung von Römerinnen
am Strand entlang, einen grossen Korb auf dem Kopfe balancierend.
Uva? rufen sie und sehen dich aus abgrundtiefen Augen fragend an.
Die Trauben sind billig und von grosser Süsse. Auch der Wein,
den man auf Ischia trinkt, der einfache Landwein. Epomeo genNant,
trocken und süss, ist billig. Es gehört zu den unvergesslichen
Stunden, bei einem Glas Moscato unter dem Gipfel der Torre zu sitzen,
auf eben jenem ganz in Grün gehülten Felsen, mit dem Sant’Angelo
kräftig und kühn mitten ins Meer hineinstösst. Man
sieht die Sonne wie einen roten Luftballon am azurnen Himmel schweben
und dann schnell und entschieden im Ozean Versinken. Hinter sich lässt
sie den flammenden Horizont. Das ist die Stunde, in der die Farben
dieser Insel wie eine Rose blühen. Die Steilküste leuchtet.
Alles ist noch gelber, noch blauer, noch roter, noch wilder und angefüllt
von Leben. Die Fledermäuse beginnen ihre abendlichen Kapriolen,
und die Zikaden singen schrill. Man versteht in einer solchen Stunde
nichts besser als die Genügsamkeit all dieser Menschen hier,
die hilfsbereit und freundlich sind.
Schliesslich trennt man sich von der Torre, um auf der Terrasse des
Albergo eine bestellte frische Languste, von Schafs-oder Büffelkäse
gefolgt, zu einfachem Landwein zu verspeisen. Das Meer schlägt
an die Klippen unter uns, die Lichter von Capri glänzen weit
in der Ferne wie eine Perlenkette. Über dem nachtschwarzen Meer
steht der Himmel überwältigend und weit. Am Ende der Bucht
schaukeln, vom Bauch der Finsternis noch nicht verschluckt, die Lampen
der Fischerboote auf und ab. Irgendwo am Ende der Welt blinkt ein
Leuchtturm, vielleicht der von Sorrento. Der Scirocco legt sich mit
zärtlicher Gebärde um Hals und Arme und auf das Gemüt,
das dieser hohen Sommernacht weit geöffnet ist.
Mat hat, sagen manche, die Insel Ischia nicht gesehen, wem man den
Epomeo nicht bestiegen hat. Man muss dazu kein Bergsteiger sein. Während
bei Barano im Innern der Insel die Erde terra rossa heisst wegen ihres
feuerroten Felsens, ist sie bei Serrara-Fontana malachitgrün.
Hier von Fontana aus ist der Aufstieg am leichtesten, vor allem, wenn
man die gleichen Schuhe wie die Eingeborenen trägt.
Man begegnet Männern, die im Weingarten arbeiten, Mauleseln,
beladen mit den Früchten des Landes - den sonnenroten, länglichen
Tomaten, frischen Feigen, blauen und grünen, den Melanzane, Zucchine
und Peperoni. Der Weg verändert sich ununterbrochen, und immer
wieder geben die tiefeingerissenen Schluchten die Sicht auf das Meer
überraschend und beglückend frei. Viele der Bergbezwinger
reiten das letzte Stück zum Gipfel auf dem Maulesel, das gehört
fast schon zur Tradition. Die Mühe wird belohnt. Man sieht die
Weite des Meeres und die Unendlichkeit des Himmels in einem überwältingenden
Zusammenklang. Man sieht im Nordwestern die beiden Halbinseln als
einen grossen und gerahmten Vulkan, der bis hier herauf wie aus einem
Guss erscheint. Man sieht im Western Forio, das so lieblich ist mit
seinen malerischen Gassen, versponnen Höfen und seiner kachelgeschmückten
Chiesa del Soccorso. Man sieht im Nordwesten die beiden Halbinseln
als einen grossen und kleinen Katzenkopf mit spitzen Ohren ins Meer
hineinragen, der kleine mit dem Monte di Vico, der das denkwürdige
Ereignis erster griechischer Besiedlung erleben durfte. Man sieht
zwischen beiden weit ins Land stossend die Bucht von San Montano.
Man sieht im Osten das Kastell der Vittoria Colonna als kleinen Fingerhut.
Man sieht im Nordosten Procida heiter und zierlich wie ein Blumenbeet,
man sieht das Festland mit seinem verwegen geschtungenen Cap Miseno,
den grosszügigen Buchten, man sieht Neapel, wie in Perlmuttduft
gebettet, endlich als letztes den Vesuv, das Haupt verhüllt,
streng, abweisend und grossartig. Himmel und Meer tragen die rote
Bahn der Sonne. Bald wird sie untergehen. In der Ferne zieht langsam
wie im Traum ein schönes Schiff.