Reinhardt
Gathmann, ein Arzt vom Niederrhein, fuhr nach Italien, um seine Ausbildung
zu vervollständigen. Er wählte sich während seines
Aufenthaltes hier den Decknamen Reiner Solinander. Der anatomische
und klinische Unterricht war nämlich damals in Italien auf einem
ausgezeichneten Niveau. Der Herzog Wilhelm von Jülich, Cleve
und Berg hatte ihn aus diesem Grund nach Bologna, Pisa, Rom und Neapel
gesandt. Er sollte von 1550 bis 1557 in Italien bleiben. Er benützte
seine Freizeit, um zahlreiche Reisen in Südtalien zu unternehmen,
und beschäftigte sich auch mit dem Vulkanismus und mit den heissen
Quellen. Vier Jahre blieb er allein in Lucca, um Badearzt zu werden.
Selbstverständlich war er auch auf der Insel Ischia, um die heissen
Quellen und die Sudatorien kennenzulernen. In seinem Buch "De
caloris fontium medicatorum causa, eorum temperationis, libri due,
et philosophis et medicis perutiles" beschreibt er die vulkanische
Natur der Quellen von Ischia. Mit ihm beginnt die Reihe der wissenschaftlichen
Balneologen!
Mit dem Erwachen des humanistischen Zeitalters und der Renaissance
steigt auch allmählich das Interesse an Ischia und seinen Thermalquellen
wieder und sie spielen eine immer wichtigere Rolle. Die Anwesenheit
von Viktoria Colonna, Gemahlin (und schon bald Witwe) von Don Ferrante
D'Avalos, des Feudalherren in der Aragonerburg, ist sicherlich ein
positives und bedeutsames Element für das anfangs des 16. Jahrhunderts
wiedererwachende Interesse am Kurbetrieb auf Ischia. Als Dichterin
und nicht nur als Fürstin aus dem Hause Colonna hatte Viktoria
freundschaftliche Beziehungen mit den Edelsten des Vicekönigreiches
von Neapel und mit den intellektuellen Kreisen in Rom und Florenz.
Bekannt ist die innige Freundschaft zwischen Viktoria und Michelangelo;
sehr interessant ist auch ihre Freundschaft - als eifriges Mündel
- mit dem Römer Ludovico De Varthema, der gerade anfangs des
16.
Jahrhunderts der Herzogin von Montefeltro, Viktorias Mutter, eines
seiner berühmten Reisebücher "Itinera" widmete,
in dem er zum ersten Male Mecca und den Jemen beschreibt.
In der modernen Auflage dieses Buches ( Verlag Alpes, Mailand 1928)
ist ein Brief von De Varthema an Viktoria wiedergegeben, der als Begleitbrief
zum Buch geschrieben worden war. Daraus merkt man deutlich die "ganze,
für die Renaissance typische" Wissbegier der damals jungen
Frau nach einer gründlicheren Kenntnis der "natürlichen
Welt". Und wahrscheinlich haben sich Viktoria und ihr Hof ganz
im Sinne der Renaissance für die hydrothermalen Ouellen auf Ischia
interessiert; denn das uralte Ideal "Schönheit-Gesundheit-Schönheit"
kam allmählich wieder zu Ehren. . .
1588, also nur wenige Jahre später, schrieb Julius Jasolino aus
Tarsia, Professor für Anatomie an der Universität Neapel,
eben um die Nachfrage und das Bedürfnis seiner elitären
Kundschaft zu befriedigen, ein wirklich grundlegendes Buch über
den "Thermalbetrieb auf Ischia und er schrieb es nicht in lateinische
Sprache, wie es ja damals für wissenschaftliche Werke üblich
war, sondern in der Volkssprache, um den praktischen Gebrauch zu erleichtern:
De' rimedi naturali che sono nell' isola di Pithekusa, hoggi detta
Ischia". Zwischen dem Verfassen und der Veröffentlichung
des Buches vergingen aber mehrere Jahre.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Angaben über das Kurwesen
auf Ischia, die sich im Buch von Andreas Bacci, dem Archiater von
Papst Sixtus V. ,über den Thermalismus in der ganzen bekannten
Welt und sogar aus den beiden neuentdeckten amerikanischen Erdteilen
finden, an vielen Stellen aus dem später veröffentlichten,
aber früher verfassten Werk von Jasolino abgeschrieben scheinen.
Vielleicht hat sich der berühmte Kollege des Jasolino eine Kopie
des Originalmanuskripts geben lassen. . . Wenn man verschiedene weniger
bedeutende Werke ausser acht lässt, kann man sagen, das Buch
von Julius Jasolino mit seinen vielen Angaben über die damals
aktiven Ouellen und - natürlich auf dem medizinisch- kulturellen
Niveau seiner Zeit - über Beobachtungen, Vorschläge, klinische
Fälle usw. ist für mehr als zwei Jahrhunderte das grundlegende
Werk der medizinischen Hydrologie auf der Insel geblieben und war
durch seine zahlreichen Auflagen weit verbreitet.
Bemerkenswert ist, dass sich der Thermalbetrieb auf Ischia gut entwickelte
trotz der häufigen Überfälle von barbarischen Piraten,
die sogar gewöhnlich in Forio übernachteten. Wegen des Fehlens
von Küstenstrassen war der Zugang vom übrigen Inselgelände
zur Gegend von Forio recht schwierig und folglich war hier ein idealer
"Versteck". Dazu liegt Forio genau im Westen, das heisst,
wo die Meeresbrisen ihren Ursprung haben und genau in Richtung auf
die Insel und, wie es in der Seemannssprache heisst, als Wind im Rücken
wehen, was natürlich eine sehr schnelle und bequeme Segelfahrt
erlaubt. Bei der Rückfahrt von den Einfällen musste man
zwar mit Gegenwind segeln, aber nach "getaner Arbeit" war
die geringere Geschwindigkeit der Segelschiffe nicht mehr so wichtig.
Als Verteidigung gegen die Geschwindigkeit der Angriffe der Piratenschiffe
dienten die Signale aus grosser Entfernung, die von den vielen Wachtürmen
gegeben wurden, die auf den hohen Punkten längs der Küste
standen und tatsächlich nach allen Regeln der Kunst plaziert
worden waren. Zum Beispiel scheint es uns unmöglich zu sein,
aber von der Plattform des quadratischen Turmes, der sich in der Mitte
der Küstenlinie auf dem Vorgebirge Monte Vico in Lacco Ameno
erhebt, kann man die Plattform des Aragonerkastells in Ischia Ponte
wahrnehmen, d.h. in ungefähr 7 km Entfernung und trotz anderer
dazwischenliegender hügeliger Erhebungen. Die Allarmsignale erfolgten
demnach gewöhnlich sehr schnell, sei es, um eine aktive Verteidigung
vorzubereiten, oder um der unbewaffneten Bevölkerung Zeit zu
geben, einen Zufluchtsort (z.B. im Aragonerkastell oder auf den Hôhen
des Monte Epomeo) zu erreichen. Ein volkstümlicher Spruch, den
man noch heute hören kann, lautet ungefähr so: A Santa Restituta
fave e piselli sò rendute, i Turchi sò fujute".
An Sankt Resti,tuta sind Saubohnen und Erbsen hart und die Türken
sind fort.
Die Seeräuber versteckten sich also in Forio in den Wintermonaten
und gingen wieder weg mit Anbruch der guten Jahreszeit (das Fest der
Hl. Restituta wird am 17. Mai gefeiert) .
Nach dem Buch des Jasolino dauert es bis ins 19. Jahrhundert, bevor
jenes Buch erscheint, das bis heute als das vollständigste Werk
über das Thermalkurwesen auf Ischia anzusehen ist und von einem
berühmten Schweizer Arzt, Jacques Etienne Chevalley De Rivaz,
geschrieben wurde. (1835 erschien die erste Auflage) . Der Verfasser
beschreibt detailliert den reichen Hydrothermalbestand der Insel und,
indem er mit enorm gutem klinischem Verstand die medizinisch- wissenschaftlichen
Kenntnisse der Zeit wertet, versteht er es, einen praktischen Führer
für die Kranken zu schaffen, die in immer grösserer Zahl
die Thermalkuren in Anspruch nehmen.
Schon damals häuften sich die Initiativen zur Erweiterung des
Kurbetriebes in den einzelnen Gegenden der Insel. 1829 z.B. führt
die Erschliessung einer bekannten Quelle in Forio, die in Monterone
entspringt und die heutigen Thermen Castaldi speist, zur weiten Verbreitung
des Rufes der balneo- und fangotherapeutischen Kuren von Ischia. (Die
modernen chemischen Analysen weisen diese Ouelle mit dem Namen Paolone
als mineralhaltig, hyperthermal, salzhaltig, schwefelhaltig, alkalisch,
erdhaltig aus.) In derselben Zeit wurde auch in Casamicciola unter
der Schirmherrschaft von König Ferdinand II. das Kurbad Belliazzi
erbaut, das die historische Quelle Gurgitello nützt, die seit
Plinius Zeiten bekannt ist und von Jasolino 1558, von D- Aloisio l757
und von anderen Autoren des 18. Jahrhunderts zitiert wird, darunter
von Eucherius De Quinzii in seinem berühmten Epos (Inarime)
in lateinischen Hexametern über die ischitanischen "Bäder".
Diese Ouelle (mineralhaltig, hyperthermal, salzhaltig-schwefelhaltigalkalisch)
gehört zu dem zweifellos in der Neuzeit bekanntesten ischitanischen
Thermalbecken.
Zu der "grossen Saison" im 18. Jahrhundert, die durch das
Buch des Chevalley De Rivaz eröffnet wurde, gehört auch
der Aufenthalt berühmter Gäste, die von den Wohltaten der
Thermalkuren und von der landschaftlichen Kulisse der Insel angezogen
worden waren. .
Unter diesen ist besonders der grosse Dichter Alphonse de Lamartine
zu erwähnen, der von 1812 bis 1844 auf der Insel weilte, ein
bisschen, um sich zu kurieren, ein bisschen, um zu dichten.
"Jedes Segel brachte seine Gedanken mit und die Träume fluteten
über die bittersten Gedanken. Und jetzt, am Bug des Dampfschiffes
sitzend Habe ich das Meer über quert und bin gegangen".
So beschrieb er den Moment seines endgültigen Abschiedes von
der Insel. Auch seine sehr bekannte "Graziella" , die auf
Procida spielt, ist in Wirklichkeit auf Ischia geschrieben worden
(Der Verfasser mietete eine kleine Villa in der Sentinella, in Casamicciola,
mit einer wunderbaren Aussicht) .
Auch der wiederholte Aufenthalt auf der Insel (1875, l877, 1879) von
Ernest Renan, dem grossen Denker und Schriftsteller, dem Verfasser
des berühmten "Leben Jesu". ist hier zu erwähnen.
Eine komplette Übersicht der berühmten Gäste auf der
Insel Ischia bringt das Buch von Paul Büchner "Gast auf
Ischia" ( siehe Bibliographie) . Wie T. Della Vecchia bemerkt,
dem Zauber der Insel "dankt sogar die Schwärmerei eines
Arnold Böcklin sein bekanntes Gemälde "Die Insel der
Toten" aus dem Jahr 1880".