Ischia
Grundzüge der Geschichte,Mythen und Wirklichkei
t

von Massimo Mancioli
("La Rassegna d'Ischia" 1992)

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Reinhardt Gathmann, ein Arzt vom Niederrhein, fuhr nach Italien, um seine Ausbildung zu vervollständigen. Er wählte sich während seines Aufenthaltes hier den Decknamen Reiner Solinander. Der anatomische und klinische Unterricht war nämlich damals in Italien auf einem ausgezeichneten Niveau. Der Herzog Wilhelm von Jülich, Cleve und Berg hatte ihn aus diesem Grund nach Bologna, Pisa, Rom und Neapel gesandt. Er sollte von 1550 bis 1557 in Italien bleiben. Er benützte seine Freizeit, um zahlreiche Reisen in Südtalien zu unternehmen, und beschäftigte sich auch mit dem Vulkanismus und mit den heissen Quellen. Vier Jahre blieb er allein in Lucca, um Badearzt zu werden. Selbstverständlich war er auch auf der Insel Ischia, um die heissen Quellen und die Sudatorien kennenzulernen. In seinem Buch "De caloris fontium medicatorum causa, eorum temperationis, libri due, et philosophis et medicis perutiles" beschreibt er die vulkanische Natur der Quellen von Ischia. Mit ihm beginnt die Reihe der wissenschaftlichen Balneologen!
Mit dem Erwachen des humanistischen Zeitalters und der Renaissance steigt auch allmählich das Interesse an Ischia und seinen Thermalquellen wieder und sie spielen eine immer wichtigere Rolle. Die Anwesenheit von Viktoria Colonna, Gemahlin (und schon bald Witwe) von Don Ferrante D'Avalos, des Feudalherren in der Aragonerburg, ist sicherlich ein positives und bedeutsames Element für das anfangs des 16. Jahrhunderts wiedererwachende Interesse am Kurbetrieb auf Ischia. Als Dichterin und nicht nur als Fürstin aus dem Hause Colonna hatte Viktoria freundschaftliche Beziehungen mit den Edelsten des Vicekönigreiches von Neapel und mit den intellektuellen Kreisen in Rom und Florenz. Bekannt ist die innige Freundschaft zwischen Viktoria und Michelangelo; sehr interessant ist auch ihre Freundschaft - als eifriges Mündel - mit dem Römer Ludovico De Varthema, der gerade anfangs des 16.
Jahrhunderts der Herzogin von Montefeltro, Viktorias Mutter, eines seiner berühmten Reisebücher "Itinera" widmete, in dem er zum ersten Male Mecca und den Jemen beschreibt.
In der modernen Auflage dieses Buches ( Verlag Alpes, Mailand 1928) ist ein Brief von De Varthema an Viktoria wiedergegeben, der als Begleitbrief zum Buch geschrieben worden war. Daraus merkt man deutlich die "ganze, für die Renaissance typische" Wissbegier der damals jungen Frau nach einer gründlicheren Kenntnis der "natürlichen Welt". Und wahrscheinlich haben sich Viktoria und ihr Hof ganz im Sinne der Renaissance für die hydrothermalen Ouellen auf Ischia interessiert; denn das uralte Ideal "Schönheit-Gesundheit-Schönheit" kam allmählich wieder zu Ehren. . .
1588, also nur wenige Jahre später, schrieb Julius Jasolino aus Tarsia, Professor für Anatomie an der Universität Neapel, eben um die Nachfrage und das Bedürfnis seiner elitären Kundschaft zu befriedigen, ein wirklich grundlegendes Buch über den "Thermalbetrieb auf Ischia und er schrieb es nicht in lateinische Sprache, wie es ja damals für wissenschaftliche Werke üblich war, sondern in der Volkssprache, um den praktischen Gebrauch zu erleichtern: De' rimedi naturali che sono nell' isola di Pithekusa, hoggi detta Ischia". Zwischen dem Verfassen und der Veröffentlichung des Buches vergingen aber mehrere Jahre.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Angaben über das Kurwesen auf Ischia, die sich im Buch von Andreas Bacci, dem Archiater von Papst Sixtus V. ,über den Thermalismus in der ganzen bekannten Welt und sogar aus den beiden neuentdeckten amerikanischen Erdteilen finden, an vielen Stellen aus dem später veröffentlichten, aber früher verfassten Werk von Jasolino abgeschrieben scheinen. Vielleicht hat sich der berühmte Kollege des Jasolino eine Kopie des Originalmanuskripts geben lassen. . . Wenn man verschiedene weniger bedeutende Werke ausser acht lässt, kann man sagen, das Buch von Julius Jasolino mit seinen vielen Angaben über die damals aktiven Ouellen und - natürlich auf dem medizinisch- kulturellen Niveau seiner Zeit - über Beobachtungen, Vorschläge, klinische Fälle usw. ist für mehr als zwei Jahrhunderte das grundlegende Werk der medizinischen Hydrologie auf der Insel geblieben und war durch seine zahlreichen Auflagen weit verbreitet.
Bemerkenswert ist, dass sich der Thermalbetrieb auf Ischia gut entwickelte trotz der häufigen Überfälle von barbarischen Piraten, die sogar gewöhnlich in Forio übernachteten. Wegen des Fehlens von Küstenstrassen war der Zugang vom übrigen Inselgelände zur Gegend von Forio recht schwierig und folglich war hier ein idealer "Versteck". Dazu liegt Forio genau im Westen, das heisst, wo die Meeresbrisen ihren Ursprung haben und genau in Richtung auf die Insel und, wie es in der Seemannssprache heisst, als Wind im Rücken wehen, was natürlich eine sehr schnelle und bequeme Segelfahrt erlaubt. Bei der Rückfahrt von den Einfällen musste man zwar mit Gegenwind segeln, aber nach "getaner Arbeit" war die geringere Geschwindigkeit der Segelschiffe nicht mehr so wichtig. Als Verteidigung gegen die Geschwindigkeit der Angriffe der Piratenschiffe dienten die Signale aus grosser Entfernung, die von den vielen Wachtürmen gegeben wurden, die auf den hohen Punkten längs der Küste standen und tatsächlich nach allen Regeln der Kunst plaziert worden waren. Zum Beispiel scheint es uns unmöglich zu sein, aber von der Plattform des quadratischen Turmes, der sich in der Mitte der Küstenlinie auf dem Vorgebirge Monte Vico in Lacco Ameno erhebt, kann man die Plattform des Aragonerkastells in Ischia Ponte wahrnehmen, d.h. in ungefähr 7 km Entfernung und trotz anderer dazwischenliegender hügeliger Erhebungen. Die Allarmsignale erfolgten demnach gewöhnlich sehr schnell, sei es, um eine aktive Verteidigung vorzubereiten, oder um der unbewaffneten Bevölkerung Zeit zu geben, einen Zufluchtsort (z.B. im Aragonerkastell oder auf den Hôhen des Monte Epomeo) zu erreichen. Ein volkstümlicher Spruch, den man noch heute hören kann, lautet ungefähr so: A Santa Restituta fave e piselli sò rendute, i Turchi sò fujute". An Sankt Resti,tuta sind Saubohnen und Erbsen hart und die Türken sind fort.
Die Seeräuber versteckten sich also in Forio in den Wintermonaten und gingen wieder weg mit Anbruch der guten Jahreszeit (das Fest der Hl. Restituta wird am 17. Mai gefeiert) .
Nach dem Buch des Jasolino dauert es bis ins 19. Jahrhundert, bevor jenes Buch erscheint, das bis heute als das vollständigste Werk über das Thermalkurwesen auf Ischia anzusehen ist und von einem berühmten Schweizer Arzt, Jacques Etienne Chevalley De Rivaz, geschrieben wurde. (1835 erschien die erste Auflage) . Der Verfasser beschreibt detailliert den reichen Hydrothermalbestand der Insel und, indem er mit enorm gutem klinischem Verstand die medizinisch- wissenschaftlichen Kenntnisse der Zeit wertet, versteht er es, einen praktischen Führer für die Kranken zu schaffen, die in immer grösserer Zahl die Thermalkuren in Anspruch nehmen.
Schon damals häuften sich die Initiativen zur Erweiterung des Kurbetriebes in den einzelnen Gegenden der Insel. 1829 z.B. führt die Erschliessung einer bekannten Quelle in Forio, die in Monterone entspringt und die heutigen Thermen Castaldi speist, zur weiten Verbreitung des Rufes der balneo- und fangotherapeutischen Kuren von Ischia. (Die modernen chemischen Analysen weisen diese Ouelle mit dem Namen Paolone als mineralhaltig, hyperthermal, salzhaltig, schwefelhaltig, alkalisch, erdhaltig aus.) In derselben Zeit wurde auch in Casamicciola unter der Schirmherrschaft von König Ferdinand II. das Kurbad Belliazzi erbaut, das die historische Quelle Gurgitello nützt, die seit Plinius Zeiten bekannt ist und von Jasolino 1558, von D- Aloisio l757 und von anderen Autoren des 18. Jahrhunderts zitiert wird, darunter von Eucherius De Quinzii in seinem berühmten Epos (Inarime) in lateinischen Hexametern über die ischitanischen "Bäder". Diese Ouelle (mineralhaltig, hyperthermal, salzhaltig-schwefelhaltigalkalisch) gehört zu dem zweifellos in der Neuzeit bekanntesten ischitanischen Thermalbecken.
Zu der "grossen Saison" im 18. Jahrhundert, die durch das Buch des Chevalley De Rivaz eröffnet wurde, gehört auch der Aufenthalt berühmter Gäste, die von den Wohltaten der Thermalkuren und von der landschaftlichen Kulisse der Insel angezogen worden waren. .
Unter diesen ist besonders der grosse Dichter Alphonse de Lamartine zu erwähnen, der von 1812 bis 1844 auf der Insel weilte, ein bisschen, um sich zu kurieren, ein bisschen, um zu dichten.
"Jedes Segel brachte seine Gedanken mit und die Träume fluteten über die bittersten Gedanken. Und jetzt, am Bug des Dampfschiffes sitzend Habe ich das Meer über quert und bin gegangen". So beschrieb er den Moment seines endgültigen Abschiedes von der Insel. Auch seine sehr bekannte "Graziella" , die auf Procida spielt, ist in Wirklichkeit auf Ischia geschrieben worden (Der Verfasser mietete eine kleine Villa in der Sentinella, in Casamicciola, mit einer wunderbaren Aussicht) .
Auch der wiederholte Aufenthalt auf der Insel (1875, l877, 1879) von Ernest Renan, dem grossen Denker und Schriftsteller, dem Verfasser des berühmten "Leben Jesu". ist hier zu erwähnen.
Eine komplette Übersicht der berühmten Gäste auf der Insel Ischia bringt das Buch von Paul Büchner "Gast auf Ischia" ( siehe Bibliographie) . Wie T. Della Vecchia bemerkt, dem Zauber der Insel "dankt sogar die Schwärmerei eines Arnold Böcklin sein bekanntes Gemälde "Die Insel der Toten" aus dem Jahr 1880".

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