Abgesehen
von den Thermalkuren an dieser Ouelle, ist es sicher, dass in römischer
Zeit andere Ouellen genutzt wurden. Archäologische, auf der gesamten
Insel gefundene Zeugnisse belegen eine erneute Belebung des gesellschaftlichen
Lebens auf der Insel Aenaria.
So sind zum Beispiel die malerischen Reste eines Nymphäums, das
zu einer römischen Villa am Meer gehörte, zu Füssen
des Vorgebirges Monte Vico, für uns heuzutage ein interessanter
Anblick. Sie liegen heute auf dem Grundstück der Hotelkomplexe
"Sporting" und "Royal Sporting" in Lacco Ameno.
In geringer Entfernung davon öffnet sich in der Felswand des
Vorgebirges eine Höhle; heute ist ihr Fussboden unter Wasser,
aber in römischer Zeit lag er über dem Meeresspiegel und
war der Anlegeplatz eines kleinen Touristenhafens sowie der Zugang
zu einer darüberliegenden Villa.
Der schon zitierte pessimistische Kommentar Ovids über den "sterilen
und trostlosen Hügel", der doch die blühende Akropolis
von Pithekoussai war, scheint demnach übertrieben. Lacco (von
"Locus qui dicitur Eraclius", "Ort der Heraklius heisst")
war wirklich der geschätzteste Ort für die otia und die
Badekuren auf der Insel und das blieb er vom 1. Jahrhundert v. Chr.
an bis zum 3.und 4. nachchristlichen Jahrhundert, also bis zum Untergang
des römischen Weltreiches.
Das römische Aenaria war, vor allem dank seiner Lage im Tyrrhenischen
Meer auf dem Weg nach dem Orient, noch oft Schauplatz von keinesfalls
zweitrangigen Ereignissen in Roms stürmischen politischen Geschehnissen.
Da war der Konflikt zwischen Marius und Sulla, oder die darauffolgende
Episode um das Zustandekommen des "Paktes von Misenum" (
der berühmte Versuch eines Kompromisses zwischen Antonius, Oktavian
und Sextus Pompejus) . Oktavian erwartete auf der Insel Ischia Antonius
und Sextus Pompejus, den Sohn des grossen Pompejus, der mit einer
stattlichen Flotte von Sizilien kam. Wie G. D' Ascia zitiert (und
mit Vergnügen P. Monti erwähnt) , "bestieg Er (Oktavian)
eine Galeere mit 6 Ruderreihen, kam in diese Gegend (Ischia) und wartete
hier auf seine Widersacher als an einem sicheren und vertrauenswürdigen,
weil von Leuten seiner Partei bewohnten Ort. Der Friede wurde feierlich
und mit einem üppigen Bankett besieglt, das Pompejus seinen beiden
Rivalen an Bord seiner Galeere gegenüber der Insel Ischia gab".
Hierher gehört auch die Anekdote von Menas, Pompejus' treuem
und schlauem Freigelassenen, der seinem Herrn den Rat gab, die Situation
auszunützen und die Anlegetaue der anderen beiden Schiffe zu
durchschneiden, sie ins Schlepp zu nehmen und auf diese Art "Herr
der Welt" zu werden. Lapidar war, nach Appianus (Hist. IV-V,
69 und 71) die Antwort des Pompejus: "Des hättest du tun
müssen, ohne es mir zu sagen, aber da du mir dein Vorhaben mitgeteilt
hast, bin ich eher zufrieden mit dem, was ich sowieso habe, die Hauptsache,
es ist loyal, als das Universum zu erobern und mich einen Verräter
schimpfen zu lassen".
Der "augustäische Friede "brachte die Festigung der
römischen Ordnung" im Mittelmeerraum mit sich und verstärkte
das Interesse an Ischia sowohl als Zentrum aller Arbeiten, die mit
dem Meer zusammenhängen, als auch als Ort der "otia"
und der Kuren.
Gleichzeitig verfügte ein spezielles Dekret des römischen
Senats, dass die Mineralien aus den Bergwerken der Insel Elba wie
schon früher auf der Insel Aenaria zu verarbeiten waren: Eine
weitere Anerkennung der Fähigkeit der örtlichen Handwerker
und auch eine Verpflichtung von grosser Bedeutung im sozialen und
politischen Kontext des Golfes von Neapel.
Hier ist ein Bild der Situation jener Zeit, so wie Statius (in einer
wörtlichen übersetzung von P. Monti) sie uns schildert:
". . . und in den Orten der Umgegend fehlen auch nicht die Vergnügungen
eines abwechslungsreichen Lebens, sei es, dass es dir gefällt,
das dampfende Baia zu besuchen, dessen Lido eine Wonne ist, oder die
Höhlen, die an die weissagende Sibylle erinnern, oder den Hügel
von Misenum, erinnerungswürdig wegen des trojanischen Ruders,
oder die saftigen Weinberge des dionysischen Gaurus, oder Capri, die
alte Wohnstätte der Teleboi, wo ein Leuchtturm, der Gegner des
nachts umherschweifenden Mondes, sein wohlwollendes Licht zum Segen
der ängstlichen Seefahrer ausstrahlt, oder die Gebirgsjoche von
Sorrent, die einen trockenen und robusten Wein liefern, oder die gesundheitsbringenden
Tümpel von Ischia, oder das wiedererstehende Stabio . .."
(Vers 95-104) .
In römischer Zeit waren die Seeverkehrswege, die vom Golf von
Neapel und von Aenaria aus ins gesamte Mittelmmer ausstrahlten, offensichtlich
stark befahren.
Ausser den Handelsschiffen landeten in Aenaria militärische Einheiten
aus dem nahegelegenen grossen Flottenstützpunkt Misenum, dem
die Oberaufsicht über das gesamte tyrrhenische Meersgebiet anvertraut
war. Der Anlegeplatz von Aenaria hatte eine vorteilhafte Lage für
die Route nach Kap Misenum: eine kurze und durch den Schutz, den die
Insel Procida und das Inselchen Vivara im Falle eines Sturmes bieten
konnten, auch sichere Route. Wie P. Monti bemerkt, ist in der Geschichte
der antiken Seefahrt als einziger grosser Schiffbruch derjenige beschrieben,
der sich 301 v. Chr. ereignete, wie Diodorus Siculus berichtet, als
viele "Frachtschiffe" des Agathokles von Syrakus, vollbeladen
mit der Beute aus einer Expedition auf sizilianischem Boden, in einen
grossen Sturm gerieten, an die Küste von Pithekoussai getrieben
wurden und dort zerbarsten (vgl. Abb. 8, "Der Schiffbruch von
Pithekoussai").
P. Monti erinnert auch an die zahlreichen Anker, die im Meer um Ischia
unter Wasser gefunden worden sind: von den primitiven Ankern aus Stein
(rund oder trapezförmig, aus der Bronzezeit) zu den oft riesigen,
bis zu 3 Doppelzentner schweren Ankern aus Blei, mit einem Ring in
der Mitte, durch den ein starker Holzbalken getrieben wurde, um mehr
Stabilität beim Ankern zu erreichen.
Mit dem Niedergang des römischen Reiches, der fortschreitenden
Zersetzung der antiken Kultur, der Verbreitung des Christentums, und
dann in den "finsteren Jahrhunderten wurden die Thermalkuren
als Tatsache praktisch aus der Gedankenwelt des Abendlandes gestrichen.
F. Zevi zitiert den Philosophen Plotin, der bereits 270 n. Chr. in
der jetzt gespenstischen Kulisse der heissgeliebten phlegräischen
Villen von Simmacus, dem "grossen Schweigen" von Bauli,
dem "stillen Lukriner (See) , der Öde und Trstlosigkeit
des einst erlesenen Baia an seinen in Rom gebliebenen Bruder schreibt,
"die Einsamkeit von Baia lag mir schwer auf dem Gemüt...
und so bin ich lieber nach Pozzuoli gegangen.".
Auf der Insel Ischia, die jetzt Insula Maior geworden war wegen des
raschen Versinkens des Städtchens Aenaria (A. Rittmann) auf 7-8
Meter unter dem Meeresspiegel und wegen des hieraus folgenden Abstandes
zwischen der heutigen Küstenlinie von Ischia Ponte und dem felsigen
Hügel, auf dem sich die Aragonerburg erhebt (Insula minor), hat
sich die Praxis der Thermalkuren, wenn auch nur in rudimentärer
Form, trotzdem immer noch ein wenig weitererhalten.
Dieses erstaunliche Fortbestehen der Kurbetriebes auf Ischia ist eine
ziemlich seltene Erscheinung in der Geschichte der Thermalkuren; denn
es handelte sich nicht nur darum, die allgemein verheerende Situation
auf politisch- militärischem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem
Gebiet zu überwinden, die jede Form von zivilem Leben auf dem
Kontinent unmöglich machte, sondern auch darum, dass man sich
nicht um die neue, christliche "forma mentis" kümmerte,
die viel mehr als auf die Gesundheit und die Schönheit des Körpers
auf die Verfolgung von geistigen Werten ausgerichtet war.