Ischia
Grundzüge der Geschichte,Mythen und Wirklichkei
t

von Massimo Mancioli
("La Rassegna d'Ischia" 1992)

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Abgesehen von den Thermalkuren an dieser Ouelle, ist es sicher, dass in römischer Zeit andere Ouellen genutzt wurden. Archäologische, auf der gesamten Insel gefundene Zeugnisse belegen eine erneute Belebung des gesellschaftlichen Lebens auf der Insel Aenaria.
So sind zum Beispiel die malerischen Reste eines Nymphäums, das zu einer römischen Villa am Meer gehörte, zu Füssen des Vorgebirges Monte Vico, für uns heuzutage ein interessanter Anblick. Sie liegen heute auf dem Grundstück der Hotelkomplexe "Sporting" und "Royal Sporting" in Lacco Ameno. In geringer Entfernung davon öffnet sich in der Felswand des Vorgebirges eine Höhle; heute ist ihr Fussboden unter Wasser, aber in römischer Zeit lag er über dem Meeresspiegel und war der Anlegeplatz eines kleinen Touristenhafens sowie der Zugang zu einer darüberliegenden Villa.
Der schon zitierte pessimistische Kommentar Ovids über den "sterilen und trostlosen Hügel", der doch die blühende Akropolis von Pithekoussai war, scheint demnach übertrieben. Lacco (von "Locus qui dicitur Eraclius", "Ort der Heraklius heisst") war wirklich der geschätzteste Ort für die otia und die Badekuren auf der Insel und das blieb er vom 1. Jahrhundert v. Chr. an bis zum 3.und 4. nachchristlichen Jahrhundert, also bis zum Untergang des römischen Weltreiches.
Das römische Aenaria war, vor allem dank seiner Lage im Tyrrhenischen Meer auf dem Weg nach dem Orient, noch oft Schauplatz von keinesfalls zweitrangigen Ereignissen in Roms stürmischen politischen Geschehnissen. Da war der Konflikt zwischen Marius und Sulla, oder die darauffolgende Episode um das Zustandekommen des "Paktes von Misenum" ( der berühmte Versuch eines Kompromisses zwischen Antonius, Oktavian und Sextus Pompejus) . Oktavian erwartete auf der Insel Ischia Antonius und Sextus Pompejus, den Sohn des grossen Pompejus, der mit einer stattlichen Flotte von Sizilien kam. Wie G. D' Ascia zitiert (und mit Vergnügen P. Monti erwähnt) , "bestieg Er (Oktavian) eine Galeere mit 6 Ruderreihen, kam in diese Gegend (Ischia) und wartete hier auf seine Widersacher als an einem sicheren und vertrauenswürdigen, weil von Leuten seiner Partei bewohnten Ort. Der Friede wurde feierlich und mit einem üppigen Bankett besieglt, das Pompejus seinen beiden Rivalen an Bord seiner Galeere gegenüber der Insel Ischia gab".
Hierher gehört auch die Anekdote von Menas, Pompejus' treuem und schlauem Freigelassenen, der seinem Herrn den Rat gab, die Situation auszunützen und die Anlegetaue der anderen beiden Schiffe zu durchschneiden, sie ins Schlepp zu nehmen und auf diese Art "Herr der Welt" zu werden. Lapidar war, nach Appianus (Hist. IV-V, 69 und 71) die Antwort des Pompejus: "Des hättest du tun müssen, ohne es mir zu sagen, aber da du mir dein Vorhaben mitgeteilt hast, bin ich eher zufrieden mit dem, was ich sowieso habe, die Hauptsache, es ist loyal, als das Universum zu erobern und mich einen Verräter schimpfen zu lassen".
Der "augustäische Friede "brachte die Festigung der römischen Ordnung" im Mittelmeerraum mit sich und verstärkte das Interesse an Ischia sowohl als Zentrum aller Arbeiten, die mit dem Meer zusammenhängen, als auch als Ort der "otia" und der Kuren.
Gleichzeitig verfügte ein spezielles Dekret des römischen Senats, dass die Mineralien aus den Bergwerken der Insel Elba wie schon früher auf der Insel Aenaria zu verarbeiten waren: Eine weitere Anerkennung der Fähigkeit der örtlichen Handwerker und auch eine Verpflichtung von grosser Bedeutung im sozialen und politischen Kontext des Golfes von Neapel.
Hier ist ein Bild der Situation jener Zeit, so wie Statius (in einer wörtlichen übersetzung von P. Monti) sie uns schildert: ". . . und in den Orten der Umgegend fehlen auch nicht die Vergnügungen eines abwechslungsreichen Lebens, sei es, dass es dir gefällt, das dampfende Baia zu besuchen, dessen Lido eine Wonne ist, oder die Höhlen, die an die weissagende Sibylle erinnern, oder den Hügel von Misenum, erinnerungswürdig wegen des trojanischen Ruders, oder die saftigen Weinberge des dionysischen Gaurus, oder Capri, die alte Wohnstätte der Teleboi, wo ein Leuchtturm, der Gegner des nachts umherschweifenden Mondes, sein wohlwollendes Licht zum Segen der ängstlichen Seefahrer ausstrahlt, oder die Gebirgsjoche von Sorrent, die einen trockenen und robusten Wein liefern, oder die gesundheitsbringenden Tümpel von Ischia, oder das wiedererstehende Stabio . .." (Vers 95-104) .
In römischer Zeit waren die Seeverkehrswege, die vom Golf von Neapel und von Aenaria aus ins gesamte Mittelmmer ausstrahlten, offensichtlich stark befahren.
Ausser den Handelsschiffen landeten in Aenaria militärische Einheiten aus dem nahegelegenen grossen Flottenstützpunkt Misenum, dem die Oberaufsicht über das gesamte tyrrhenische Meersgebiet anvertraut war. Der Anlegeplatz von Aenaria hatte eine vorteilhafte Lage für die Route nach Kap Misenum: eine kurze und durch den Schutz, den die Insel Procida und das Inselchen Vivara im Falle eines Sturmes bieten konnten, auch sichere Route. Wie P. Monti bemerkt, ist in der Geschichte der antiken Seefahrt als einziger grosser Schiffbruch derjenige beschrieben, der sich 301 v. Chr. ereignete, wie Diodorus Siculus berichtet, als viele "Frachtschiffe" des Agathokles von Syrakus, vollbeladen mit der Beute aus einer Expedition auf sizilianischem Boden, in einen grossen Sturm gerieten, an die Küste von Pithekoussai getrieben wurden und dort zerbarsten (vgl. Abb. 8, "Der Schiffbruch von Pithekoussai").
P. Monti erinnert auch an die zahlreichen Anker, die im Meer um Ischia unter Wasser gefunden worden sind: von den primitiven Ankern aus Stein (rund oder trapezförmig, aus der Bronzezeit) zu den oft riesigen, bis zu 3 Doppelzentner schweren Ankern aus Blei, mit einem Ring in der Mitte, durch den ein starker Holzbalken getrieben wurde, um mehr Stabilität beim Ankern zu erreichen.
Mit dem Niedergang des römischen Reiches, der fortschreitenden Zersetzung der antiken Kultur, der Verbreitung des Christentums, und dann in den "finsteren Jahrhunderten wurden die Thermalkuren als Tatsache praktisch aus der Gedankenwelt des Abendlandes gestrichen. F. Zevi zitiert den Philosophen Plotin, der bereits 270 n. Chr. in der jetzt gespenstischen Kulisse der heissgeliebten phlegräischen Villen von Simmacus, dem "grossen Schweigen" von Bauli, dem "stillen Lukriner (See) , der Öde und Trstlosigkeit des einst erlesenen Baia an seinen in Rom gebliebenen Bruder schreibt, "die Einsamkeit von Baia lag mir schwer auf dem Gemüt... und so bin ich lieber nach Pozzuoli gegangen.".
Auf der Insel Ischia, die jetzt Insula Maior geworden war wegen des raschen Versinkens des Städtchens Aenaria (A. Rittmann) auf 7-8 Meter unter dem Meeresspiegel und wegen des hieraus folgenden Abstandes zwischen der heutigen Küstenlinie von Ischia Ponte und dem felsigen Hügel, auf dem sich die Aragonerburg erhebt (Insula minor), hat sich die Praxis der Thermalkuren, wenn auch nur in rudimentärer Form, trotzdem immer noch ein wenig weitererhalten.
Dieses erstaunliche Fortbestehen der Kurbetriebes auf Ischia ist eine ziemlich seltene Erscheinung in der Geschichte der Thermalkuren; denn es handelte sich nicht nur darum, die allgemein verheerende Situation auf politisch- militärischem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet zu überwinden, die jede Form von zivilem Leben auf dem Kontinent unmöglich machte, sondern auch darum, dass man sich nicht um die neue, christliche "forma mentis" kümmerte, die viel mehr als auf die Gesundheit und die Schönheit des Körpers auf die Verfolgung von geistigen Werten ausgerichtet war
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