Jedenfalls,
um 700 v. Chr. und mit dem Aufstieg von Cuma verliert Ischias Geschichte
die Euböer aus den Augen, nach ungefähr 70 Jahren reger
Tätigkeit und einer Entwicklung, die für die abendländische
Kulturlandschaft von entscheidender Bedeutung gewesen ist. Den Euböern
folgen andere griechische Völkerstämme nach, während
in Sizilien und Kalabrien Grossgriechenland zu höchster Blüte
gelangt und die Karthager immer stärker vorwärtsdrängen.
Ungefähr 200 Jahre nach der Gründung von Pithekoussai und
Cuma kam es zu einem bewaffneten Zusammenstoss zwischen Griechen und
Etruskern. Hieron, der mächtige Tyrann von Syrakus, kam mit einer
gut ausgerüsteten Flotte den Cumanern zu Hilfe, die von den Etruskern
zu Wasser und zu Land bedroht wurden. Die Seeschlacht fand in dem
schmalen Meeresarm zwischen Cuma und dem heutigen Lacco Ameno statt
und endete mit der vollständigen Niederlage der Etrusker (474
v. Chr.) . Nur von wenigen Schlachten des Altertums haben wir so viele
Zeugnisse: Pindar als Augenzeuge im Gefolge von Hieron schrieb darüber
eine Ode, und viele spätere Historiker erwähnen sie. In
Olympia fand man sogar zwei erbeutete etruskische Helme mit einer
Aufschrift, dass diese Helme dem Zeus geweiht werden als Dank für
das gute Gelingen des Unternehmens im Meer von Cuma.
Der Ausgang dieses bedeutenden Kriegsereignisses bewirkte einen merklichen
Prestigeverlust der Etrusker im südlichen Mittelmeer und die
Aufgabe aller etruskischen Territorien in Kampanien. Es ist nicht
zu vergessen, dass die Etrusker nur kurz vorher, im Jahr 507 v. Chr.
, einen anderen schwerwiegenden Schlag mit der Vertreibung der Tarquinier
aus Rom (die ja Etrusker waren) hinnehmen mussten.
Für die Römer bedeutete dies nicht nur, wie R. Bianchi Bandinelli
ganz richtig bemerkt, einen Wechsel des Regierungssystems (von der
Monarchie zur Republik), sondern die Befreiung von der Fremdherrschaft
überhaupt. Die Vernichtung der etruskischen Pufferzone im Süden
hatte sogleich zur Folge, dass primitivere Bergbevölkerungen
talwärts nachdrängten ( die Volsker, Samniten, Equi usw.
). Im Jahr 421 v. Chr. zum Beispiel ist Cuma schon in samnitischer
Hand. Durch harte Kämpfe gegen diese Bergstämme fand endlich
die politische und kulturelle Isolierung der Römer (und also
auch der Etrusker) von der griechischen Welt ein Ende.
Und wirklich - und das ist bemerkenswert - geht die Einführung
der hellenistischen Kulte in Rom, die etwas zum Stillstand gekommen
war, seit dem Jahr 293 v. Chr. nun schneller vonstatten, nachdem die
Römer eigens nach Epidauros in Griechenland gefahren waren auf
der Suche nach einer Gottheit, die imstande war, die Pestepidemie
zu bekämpfen, und daraufhin auf der Tiberinsel den Äskulapkult
einführten.
Wie gesagt, die Gesamtsituation der Einflusszonen im Mittelmeerraum
beherrschen immer mehr die Karthager, d.h.die "Nachfahren der
Phönizier". Mit der fortschreitenden Festigung der Position
Roms und dem Niedergang der etruskischen Macht, kommt es bald zum
entscheidenden Zusammenstoss zwischen Rom und Karthago (die Punischen
Kriege) . Mit der römischen Hegemonie wird das Mittelmeer schliesslich
zum "mare nostrum", einem Becken umgeben von römischem
Territorium. Im Lauf dieser Ereignisse haben sich natürlich auch
Rolle und Bedeutung von Ischia geändert. Es ist nicht mehr "Brückenkopf"
der griechischen Kolonisation im Abendland und auch nicht mehr "strategischer
Punkt" der am meisten umstrittenen Zone des mittleren und südlichen
Tyrrhenischen Meeres. Die Tüchtigkeit der Handwerker bei der
Verarbeitung der Metalle und die Nähe des grossen römischen
Flottenstützpunktes Kap Misenum (ein künstlicher Kanal verband
das Meer mit dem Avernersee, einem hervorragenden natürlichen
Hafen) haben jedoch auf der Insel ein blühendes Schiffsbauzentrum
entstehen lassen (P. Monti) . Der römische Flottenstützpunkt
ist heute verfallen wegen der vielen, schnell aufeinanderfolgenden
vulkanisch-tektonischen Erscheinungen (A. Rittmann) , die sich in
7-8 Meter Tiefe in dem Meeresarm zwischen dem heutigen Aragonerkastell,
Ischia Ponte und Cartaromana ereigneten. (Abb. 16).
Was die Etimologie des kleinen Ortes Aenaria betrifft, der der ganzen
Insel den Namen gab (zum ersten Mal in der Zeit Sullas 88-82 v.Chr.
belegt) , scheint die Vermutung glaubhaft, dass der Name vom lateinischen
"Aenum" oder "Haenum" abgeleitet ist, das Metalle
im allgemeinen bedeutet. Die eher poetische Theorie, die sich auf
den mythischen Aufenthalt Aeneas' auf Ischia stützt, bevor dieser
an den Küsten Latiums anlegte, scheint unbegründet zu sein,
besonders wenn man an das Datum der ersten literarischen Verbreitung
des betreffenden Mythos denkt (P. Monti).
In der schwierigen Zeit der Bürgerkriege zwischen Sulla und Marius
fand letzterer mit seinen Schiffen zeitweise in Aenaria Zuflucht:
eine weitere Bestätigung der "privilegierten" Lage
der Insel im Tyrrhenischen Meer.
Von den vielen kampanischen Zentren der Zeit waren nur Aenaria und
Neapolis nicht von Rom "abhängig", sondern "Verbündete"
mit dem daraus folgernden wirtschaftlichen und sozialen Vorteil. Die
Bedeutung von Aenaria für Rom scheint also beträchtlich
gewesen zu sein, und die Erklärung dafür könnte in
der meisterhaften Verarbeitung der Metalle liegen, die unter anderem
die Herstellung von leichten Waffen von besonderem Wert in der römischen
Antike umfasste (P. Monti denkt zum Beispiel an die kleinen, zugespitzten
Bleistückchen, die "sagittari" und "funditores"
mit Schleuern und Bogen gegen die Feinde schossen) . Das in der untergegangenen
Grundfläche von Aenaria gefundene Material kann einen ersten
positiven Eindruck vermitteln über die produktive Leistungsfähigkeit
des römischen Städtchens. Auf den bronzernen "Broten"
zum Beispiel, die in Cartaromana (Plagae Romanae) aufgefunden wurden,
ist der Name des Besitzers dieser "Industrie" eingeprägt
(Gnäus Atellius und sein Sohn Miserinus) . Das genaue Gewicht,
die Reinheit der verwendeten Metalle, die Verschiedenheit der Formen,
was manchmal auch einen Vorteil bedeuten kann, scheinen die "plumbaria"
von Gnäus Atellius und Sohn als leistungs fähige Firma auszuweisen.
In Cartamromana sind Bronzebarren von 36,300 kg gefunden worden, also
mehr als doppelt so schwer wie die berühmten aus Laurion in Attika
und schwerer als diejenigen von Cartagena (28,400 kg) . Die Produktion
von Aenaria kann man so zusammenfassen: Barren aus Bronze, Kupfer
und Zinn in verschiedenen Gewichts einheiten: Raketenwaffe, Bleischeiben,
Schiffsanker, gelochte Ahlen, Kupfernägel und die verschiedensten
Kleinartikel für den Schiffsbau (P. Monti).
Was die Thermen betrifft, wuchs die Bedeutung der Kuren, sowohl als
Heilbäder als auch als Hydropinotherapie (d.h. als Trinkkur)
mit der gleichzeitigen weiteren Verbreitung dieser Art Therapie in
der römischen Welt.
Es wurde auch die Fangoptherapie (Aquae arenariae) auf der Insel eingeführt
(vielleicht das erste Mal in der Geschichte der medizinischen Hydrologie,
wie A. Pazzini meint) . Die tellurischen Erschütterungen und
die vulkanischen Erscheinungen des römischen Zeitalters verhinderten
(oder zumindest liessen es nicht geraten erscheinen) die Errichtung
von grossen Thermalanlagen; trotzdem erlebte die Insel wachsenden
Zulauf und steigende Bedeutung in quantitativer wie qualitativer Hinsicht.
Dies wird gerade auch durch die im 18. Jahrhundert in der Nähe
der Ouelle Nitrodi, in Barano, entdeckte erstaunlichste Sammlung von
Votivgaben aus dem imperum romanum bewiesen, die je auf italienischem
Boden entdeckt wurden. Die Sammlung wurde unter der Leitung von König
Karl III (dem grosse künstlerische Initiativen wie zum Beispiel
auch die berühmte Porzellanfabrik von Capodimonte zu verdanken
sind) ins Nationalmuseum von Neapel gebracht. Sie besteht aus 11 ex
voto, aus Marmor gehauene Flachreliefs, die dem Gott Apollo und den
Nitrodennymphen als den "Beschützern und himmlischen Wächtern"
der Quelle geweiht waren, sowie aus einem Ausschnitt eines dem Eros
geweihten Altärchens. Diese Sammlung von Votivgaben, die Lidia
Forti mit viel Liebe zum Detail beschrieben hat, gibt viele bemerkenswerte
Anhaltspunkte. Zuerst einmal lässt die gute handwerkliche Arbeit
der Votivreliefs auf die guten gesellschaftlichen Kreise schliessen,
die die Ouelle besuchten. Dies ist ein wichtiger Gesichtspunkt, wenn
man bedenkt, dass in jener Zeit in dem Ischia gegenüberliegenden
Gebiet Kampaniens Baia lag, das unzweifelhaft die "Bademetropole"
der römischen Welt war.
So sehr "Metropole", mit seinen 350 öffentlichen und
privaten Thermalanlagen (A. Pazzini) , dass einem berühmten römischen
Schriftsteller sein in Cuma verbliebener Freund schreiben konnte:
"Du bist glücklich, weil Du an einem jetzt ruhigen Ort geblieben
bist: hier in Baia lebt es sich schlechter als in Rom, das Durcheinander,
die Korruption, das ständige be trügerische politische Spiel,
das alles ist fürchterlich.."
Properz (Annales, XIV, 18) und Tacitus (Annales, XIV, c.3) bezeichnen
Baia als "Ort der schmutzigen Geschäfte und Intrigen",
die oft in politischen Verbrechen von grosser Tragweite für das
gesamte römische Weltreich gipfelten. Da ist zum Beispiel die
Ermordung von M. Claudius Marcellus, Augustus' Liebling, der zu dessen
Nachfolge in der Führung des Reiches bestimmt war oder, einige
Jahre später, die Ermordung von Agrippina, der Mutter von Kaiser
Nero.
Das also war die Kehrseite der Medaille bei diesem Zusammentreffen
in Baia von allen, die Rang und Namen, Geld oder Macht hatten oder
zur kulturellen Elite gehörten, wo sich das Leben in seinen Kuranlagen
und seinem reichen, raffiniertem Nutzungssystem in öffentlichen
Thermen und Patriziervillen abspielte. Und das störte natürlich
besonders jemanden, der den eher naturverbundenen Kurbetrieb auf der
Insel Aenaria vorzog.
Ein weiterer, bemerkenswerter Aspekt der Votivsammlung von Nitrodi
ist das genaue Namensverzeichnis jedes Spenders dieser ex voto ("für
die erhaltene Gnade") für die himmlischen Herren der Ouelle.
Aus dieser Gruppe fallen drei Namen von Ärzten auf, was natürlich
besonders ins Auge fällt. In erster Linie der Name Menippus "medicus
subalpinus" und dann die Namen A. Monnus und N. Fabius mit ihren
Schülern; all das lässt die Annahme logisch erscheinen,
dass bei der Nitrodenquelle eine richtige Schule für Spezialisten
existierte. Auch das ist ein Beweis des hohen professionellen Niveaus
der Nutzung dieser Quelle zu therapeutischen Zwecken. Aus den Schriften
dieser Zeit und aus den Darstellungen auf den Votivreliefs selbst
geht tatsächlich die balneologische und hydropinische Nutzung
der Nitrodenquelle klar hervor und sogar mit einem Hinweis auf die
diuretische Wirkung (gut bei Nierensteinen, Hyperurikämie usw.)
und auf dermatologische Anwendung. Hier ganz besonders findet das
griechisch römische Ideal der "Gesundheit-Schönheit"
seinen höchsten und deutlichsten Ausdruck.
Also ist es auch sicher kein Zufall, wenn der vierte bedeutende Name
in der Kundschaft, die die Quelle besuchte und die den ihr vorstehenden
Gottheiten dankte, derjenige von Argenna ist, einer Freigelassenen
der Kaiserin Poppea.