Ischia
Grundzüge der Geschichte,Mythen und Wirklichkei
t

von Massimo Mancioli
("La Rassegna d'Ischia" 1992)

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Jedenfalls, um 700 v. Chr. und mit dem Aufstieg von Cuma verliert Ischias Geschichte die Euböer aus den Augen, nach ungefähr 70 Jahren reger Tätigkeit und einer Entwicklung, die für die abendländische Kulturlandschaft von entscheidender Bedeutung gewesen ist. Den Euböern folgen andere griechische Völkerstämme nach, während in Sizilien und Kalabrien Grossgriechenland zu höchster Blüte gelangt und die Karthager immer stärker vorwärtsdrängen.
Ungefähr 200 Jahre nach der Gründung von Pithekoussai und Cuma kam es zu einem bewaffneten Zusammenstoss zwischen Griechen und Etruskern. Hieron, der mächtige Tyrann von Syrakus, kam mit einer gut ausgerüsteten Flotte den Cumanern zu Hilfe, die von den Etruskern zu Wasser und zu Land bedroht wurden. Die Seeschlacht fand in dem schmalen Meeresarm zwischen Cuma und dem heutigen Lacco Ameno statt und endete mit der vollständigen Niederlage der Etrusker (474 v. Chr.) . Nur von wenigen Schlachten des Altertums haben wir so viele Zeugnisse: Pindar als Augenzeuge im Gefolge von Hieron schrieb darüber eine Ode, und viele spätere Historiker erwähnen sie. In Olympia fand man sogar zwei erbeutete etruskische Helme mit einer Aufschrift, dass diese Helme dem Zeus geweiht werden als Dank für das gute Gelingen des Unternehmens im Meer von Cuma.
Der Ausgang dieses bedeutenden Kriegsereignisses bewirkte einen merklichen Prestigeverlust der Etrusker im südlichen Mittelmeer und die Aufgabe aller etruskischen Territorien in Kampanien. Es ist nicht zu vergessen, dass die Etrusker nur kurz vorher, im Jahr 507 v. Chr. , einen anderen schwerwiegenden Schlag mit der Vertreibung der Tarquinier aus Rom (die ja Etrusker waren) hinnehmen mussten.
Für die Römer bedeutete dies nicht nur, wie R. Bianchi Bandinelli ganz richtig bemerkt, einen Wechsel des Regierungssystems (von der Monarchie zur Republik), sondern die Befreiung von der Fremdherrschaft überhaupt. Die Vernichtung der etruskischen Pufferzone im Süden hatte sogleich zur Folge, dass primitivere Bergbevölkerungen talwärts nachdrängten ( die Volsker, Samniten, Equi usw. ). Im Jahr 421 v. Chr. zum Beispiel ist Cuma schon in samnitischer Hand. Durch harte Kämpfe gegen diese Bergstämme fand endlich die politische und kulturelle Isolierung der Römer (und also auch der Etrusker) von der griechischen Welt ein Ende.
Und wirklich - und das ist bemerkenswert - geht die Einführung der hellenistischen Kulte in Rom, die etwas zum Stillstand gekommen war, seit dem Jahr 293 v. Chr. nun schneller vonstatten, nachdem die Römer eigens nach Epidauros in Griechenland gefahren waren auf der Suche nach einer Gottheit, die imstande war, die Pestepidemie zu bekämpfen, und daraufhin auf der Tiberinsel den Äskulapkult einführten.
Wie gesagt, die Gesamtsituation der Einflusszonen im Mittelmeerraum beherrschen immer mehr die Karthager, d.h.die "Nachfahren der Phönizier". Mit der fortschreitenden Festigung der Position Roms und dem Niedergang der etruskischen Macht, kommt es bald zum entscheidenden Zusammenstoss zwischen Rom und Karthago (die Punischen Kriege) . Mit der römischen Hegemonie wird das Mittelmeer schliesslich zum "mare nostrum", einem Becken umgeben von römischem Territorium. Im Lauf dieser Ereignisse haben sich natürlich auch Rolle und Bedeutung von Ischia geändert. Es ist nicht mehr "Brückenkopf" der griechischen Kolonisation im Abendland und auch nicht mehr "strategischer Punkt" der am meisten umstrittenen Zone des mittleren und südlichen Tyrrhenischen Meeres. Die Tüchtigkeit der Handwerker bei der Verarbeitung der Metalle und die Nähe des grossen römischen Flottenstützpunktes Kap Misenum (ein künstlicher Kanal verband das Meer mit dem Avernersee, einem hervorragenden natürlichen Hafen) haben jedoch auf der Insel ein blühendes Schiffsbauzentrum entstehen lassen (P. Monti) . Der römische Flottenstützpunkt ist heute verfallen wegen der vielen, schnell aufeinanderfolgenden vulkanisch-tektonischen Erscheinungen (A. Rittmann) , die sich in 7-8 Meter Tiefe in dem Meeresarm zwischen dem heutigen Aragonerkastell, Ischia Ponte und Cartaromana ereigneten. (Abb. 16).
Was die Etimologie des kleinen Ortes Aenaria betrifft, der der ganzen Insel den Namen gab (zum ersten Mal in der Zeit Sullas 88-82 v.Chr. belegt) , scheint die Vermutung glaubhaft, dass der Name vom lateinischen "Aenum" oder "Haenum" abgeleitet ist, das Metalle im allgemeinen bedeutet. Die eher poetische Theorie, die sich auf den mythischen Aufenthalt Aeneas' auf Ischia stützt, bevor dieser an den Küsten Latiums anlegte, scheint unbegründet zu sein, besonders wenn man an das Datum der ersten literarischen Verbreitung des betreffenden Mythos denkt (P. Monti).
In der schwierigen Zeit der Bürgerkriege zwischen Sulla und Marius fand letzterer mit seinen Schiffen zeitweise in Aenaria Zuflucht: eine weitere Bestätigung der "privilegierten" Lage der Insel im Tyrrhenischen Meer.
Von den vielen kampanischen Zentren der Zeit waren nur Aenaria und Neapolis nicht von Rom "abhängig", sondern "Verbündete" mit dem daraus folgernden wirtschaftlichen und sozialen Vorteil. Die Bedeutung von Aenaria für Rom scheint also beträchtlich gewesen zu sein, und die Erklärung dafür könnte in der meisterhaften Verarbeitung der Metalle liegen, die unter anderem die Herstellung von leichten Waffen von besonderem Wert in der römischen Antike umfasste (P. Monti denkt zum Beispiel an die kleinen, zugespitzten Bleistückchen, die "sagittari" und "funditores" mit Schleuern und Bogen gegen die Feinde schossen) . Das in der untergegangenen Grundfläche von Aenaria gefundene Material kann einen ersten positiven Eindruck vermitteln über die produktive Leistungsfähigkeit des römischen Städtchens. Auf den bronzernen "Broten" zum Beispiel, die in Cartaromana (Plagae Romanae) aufgefunden wurden, ist der Name des Besitzers dieser "Industrie" eingeprägt (Gnäus Atellius und sein Sohn Miserinus) . Das genaue Gewicht, die Reinheit der verwendeten Metalle, die Verschiedenheit der Formen, was manchmal auch einen Vorteil bedeuten kann, scheinen die "plumbaria" von Gnäus Atellius und Sohn als leistungs fähige Firma auszuweisen.
In Cartamromana sind Bronzebarren von 36,300 kg gefunden worden, also mehr als doppelt so schwer wie die berühmten aus Laurion in Attika und schwerer als diejenigen von Cartagena (28,400 kg) . Die Produktion von Aenaria kann man so zusammenfassen: Barren aus Bronze, Kupfer und Zinn in verschiedenen Gewichts einheiten: Raketenwaffe, Bleischeiben, Schiffsanker, gelochte Ahlen, Kupfernägel und die verschiedensten Kleinartikel für den Schiffsbau (P. Monti).
Was die Thermen betrifft, wuchs die Bedeutung der Kuren, sowohl als Heilbäder als auch als Hydropinotherapie (d.h. als Trinkkur) mit der gleichzeitigen weiteren Verbreitung dieser Art Therapie in der römischen Welt.
Es wurde auch die Fangoptherapie (Aquae arenariae) auf der Insel eingeführt (vielleicht das erste Mal in der Geschichte der medizinischen Hydrologie, wie A. Pazzini meint) . Die tellurischen Erschütterungen und die vulkanischen Erscheinungen des römischen Zeitalters verhinderten (oder zumindest liessen es nicht geraten erscheinen) die Errichtung von grossen Thermalanlagen; trotzdem erlebte die Insel wachsenden Zulauf und steigende Bedeutung in quantitativer wie qualitativer Hinsicht. Dies wird gerade auch durch die im 18. Jahrhundert in der Nähe der Ouelle Nitrodi, in Barano, entdeckte erstaunlichste Sammlung von Votivgaben aus dem imperum romanum bewiesen, die je auf italienischem Boden entdeckt wurden. Die Sammlung wurde unter der Leitung von König Karl III (dem grosse künstlerische Initiativen wie zum Beispiel auch die berühmte Porzellanfabrik von Capodimonte zu verdanken sind) ins Nationalmuseum von Neapel gebracht. Sie besteht aus 11 ex voto, aus Marmor gehauene Flachreliefs, die dem Gott Apollo und den Nitrodennymphen als den "Beschützern und himmlischen Wächtern" der Quelle geweiht waren, sowie aus einem Ausschnitt eines dem Eros geweihten Altärchens. Diese Sammlung von Votivgaben, die Lidia Forti mit viel Liebe zum Detail beschrieben hat, gibt viele bemerkenswerte Anhaltspunkte. Zuerst einmal lässt die gute handwerkliche Arbeit der Votivreliefs auf die guten gesellschaftlichen Kreise schliessen, die die Ouelle besuchten. Dies ist ein wichtiger Gesichtspunkt, wenn man bedenkt, dass in jener Zeit in dem Ischia gegenüberliegenden Gebiet Kampaniens Baia lag, das unzweifelhaft die "Bademetropole" der römischen Welt war.
So sehr "Metropole", mit seinen 350 öffentlichen und privaten Thermalanlagen (A. Pazzini) , dass einem berühmten römischen Schriftsteller sein in Cuma verbliebener Freund schreiben konnte: "Du bist glücklich, weil Du an einem jetzt ruhigen Ort geblieben bist: hier in Baia lebt es sich schlechter als in Rom, das Durcheinander, die Korruption, das ständige be trügerische politische Spiel, das alles ist fürchterlich.."
Properz (Annales, XIV, 18) und Tacitus (Annales, XIV, c.3) bezeichnen Baia als "Ort der schmutzigen Geschäfte und Intrigen", die oft in politischen Verbrechen von grosser Tragweite für das gesamte römische Weltreich gipfelten. Da ist zum Beispiel die Ermordung von M. Claudius Marcellus, Augustus' Liebling, der zu dessen Nachfolge in der Führung des Reiches bestimmt war oder, einige Jahre später, die Ermordung von Agrippina, der Mutter von Kaiser Nero.
Das also war die Kehrseite der Medaille bei diesem Zusammentreffen in Baia von allen, die Rang und Namen, Geld oder Macht hatten oder zur kulturellen Elite gehörten, wo sich das Leben in seinen Kuranlagen und seinem reichen, raffiniertem Nutzungssystem in öffentlichen Thermen und Patriziervillen abspielte. Und das störte natürlich besonders jemanden, der den eher naturverbundenen Kurbetrieb auf der Insel Aenaria vorzog.
Ein weiterer, bemerkenswerter Aspekt der Votivsammlung von Nitrodi ist das genaue Namensverzeichnis jedes Spenders dieser ex voto ("für die erhaltene Gnade") für die himmlischen Herren der Ouelle. Aus dieser Gruppe fallen drei Namen von Ärzten auf, was natürlich besonders ins Auge fällt. In erster Linie der Name Menippus "medicus subalpinus" und dann die Namen A. Monnus und N. Fabius mit ihren Schülern; all das lässt die Annahme logisch erscheinen, dass bei der Nitrodenquelle eine richtige Schule für Spezialisten existierte. Auch das ist ein Beweis des hohen professionellen Niveaus der Nutzung dieser Quelle zu therapeutischen Zwecken. Aus den Schriften dieser Zeit und aus den Darstellungen auf den Votivreliefs selbst geht tatsächlich die balneologische und hydropinische Nutzung der Nitrodenquelle klar hervor und sogar mit einem Hinweis auf die diuretische Wirkung (gut bei Nierensteinen, Hyperurikämie usw.) und auf dermatologische Anwendung. Hier ganz besonders findet das griechisch römische Ideal der "Gesundheit-Schönheit" seinen höchsten und deutlichsten Ausdruck.
Also ist es auch sicher kein Zufall, wenn der vierte bedeutende Name in der Kundschaft, die die Quelle besuchte und die den ihr vorstehenden Gottheiten dankte, derjenige von Argenna ist, einer Freigelassenen der Kaiserin Poppea.

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