Wie bereits angedeutet, waren es die grossen Behältnisse, die
pithioi, die der neuen griechischen Kolonie den Namen Pithekoussai
gaben, wie als erster Plinius der Altere vermutet hatte (Nat. Hist.
III, B,B2). Es gab auch, wie es oft auf diesem Gebiet vorkommt, andere
ethimologische Erklärungsversuche für den Ortsnamen der
neuen euböischen Kolonie. Zum Beispiel leitete der Alexandriner
Kenagoras ( 90 v. Chr.) den griechischen Namen der Insel von "pithekos",
was "der Affe" bedeutet ab (das wäre also dann: Affeninsel)
. Zur Zeit des Kaisers Augustus nennt Strabon die Insel Chruseia,
bezugnehmend auf die Goldschmuckarbeiten ihrer Handwerker. Inarime,
Vergils name für die Insel, war jine ausschliesslich poetisch-literarischen
Namensgebung.
Ridgway hat eine interessante Theorie vorgebracht und meint "der
Name Pithekoussai sei einfach die hellenisierte Form eines Urnamens
der Insel, oder vielleicht auch des gesamten phlegräischen Archipels
(Ischia, Procida, Vivara)". Es geschehe nämlich leicht,
dass fremde Seeleute oder Kaufleute schwierige Namen verändern,
um sie in ihrer Sprache aussprechen zu können, wie zum Beispiel
Orcadi für die schottischen "Orkneyes-Inseln" und,
als Gegenbeweis, das englische Leghorn für das italienische "Livorno".
Zur Bekräftigung der These von Plinius kann eine weitere Beobachtung
dienen, nämlich dass oft der Name einer Ortschaft von ihrem berühmtesten
Produkt ableitet ist. Die Araber nennen zum Beispiel noch heute Venedig
"Bundukia", das heisst " die Stadt der Gewehre"
(von "bundük Gewehr") , weil viele Jahrhunderte lang
die Serenissima (Attribut der Republik Venedig) der grösste Gewehrproduzent
war.
Dank der guten Qualität und der Schönheit ihrer Produkte
konnten die Euböer schnell wertvolle Tauschwaren dagegenbekommen,
vor allem die begehrten etruskischen Metalle. Die chemischen Analysen,
die Büchner von eisenhaltigem, noch nicht verarbeitetem Material
machen liess, das in der Industriezone von "Mazzola", in
Lacco Ameno gefunden wurde, haben klar die Herkunft dieses Materials
aus uralten Bergwerken der Insel Elba bewiesen.
Nach den ersten "Versuchen" auf dem kleinen Flüsschen
Fiora, das durch die etruskische Stadt Vulci fliesst, und nicht weit
von der Insel Elba ins Tyrrhenische Meer mündet, nachdem es ein
äusserst metallhaltiges Gebiet (uralt ist, zum Beispiel, der
Eisenabbau von Canino) , in der Nähe von damals sehr bedeutenden
etruskischen Städten ( Tarquinia, Tuscania usw.) durchquert hat,
scheint die Annnahme logisch, dass die pithekusanischen Vasen zum
Teil in diesem Flusshafen vor der Weiterfahrt zur Insel Elba abgeladen
wurden, wo dann die Hauptmenge des eisenhaltigen Materials und vielleicht
auch noch andere, ebenso wertvolle Metalle, die auf dem etruskischen
Festland erworben worden waren, auf die Schiffe verladen wurde.
Die Verarbeitung der etruskischen Metalle erfolgte in Pithekoussai,
in der Industriezone Mazzola, am Anfang eines kleinen, von zwei steilen
Hügelchen beherrschten Tales. "U Torone di Mezzavia"
und "I Pizzi" blicken auf die heutige Villa Arbusto in Lacco
Ameno herab. Man hat sich gefragt, warum die Verarbeitung gerade dort,
an dieser schwer zugänglichen Stelle erfolgte. Die Antwort liegt
wohl darin, dass dieses kleine Tal (heute heisst es "Canale")
immer gut von einer Westbrise belüftet wird und eine gute Belüftung
war im Altertum unentbehrlich, um so etwas wenn auch nur annähernd
den modernen "Hochöfen" Gleichwertiges zu schaffen,
wo man genügend hohe Temperaturen erreichen konnte, um den Ton
zu brennen und die noch rohen Metalle aus den etruskischen Bergwerken
zu verarbeiten.
Die euböische "Epoche" von Pithekoussai ging ganz schnell
zu Ende: die Notwendigkeit der Expansion auf dem Kontinent, um die
Beziehungen zu den metallhaltigen Gegenden auszubauen, aber auch der
besonders negative geologische Moment, den die Insel gerade erlebte,
mit häufigen vulkanischen und tellurischen Erscheinungen, und
ein heftiger Streit im Mutterland zwischen den beiden grössten
euböischen Gemeinden ( Eretria und Chalkis), trieb die pithekusanische
Gemeinde dazu, nach Cuma umzusiedeln.
Und wieder sind, wie in der gesamten Inselgeschichte, Gründe
der Schiffahrt deutlich der entscheidende Beweggrund hierfür.
Zum Beispiel ist zu betonen, dass die ständigen Brisen von Westen,
die bei der Hinfahrt wie bei der Rückfahrt von der Seite her
auf die Schiffahrtsroute Pithekoussau-Cuma wehen, das Hin und Her
zwischen den beiden Orten erleichtern, auch wenn man nur primitive
Segelausrüstung hat).
Wie Pithekoussai bildete auch Cuma eine natürliche Akropolis:
ein einzelner Hügel in der sonst ebenen Umgebung, der an den
Grenzen der kampanischen Küste hoch über dem Meer liegt.
Mit dieser zweiten Kolonie, der ersten Kolonie auf dem Festland, erreichte
das griechische Vordringen in Kampanien seine entscheidende Phase.
Örtliche Auswirkungen der Streitigkeiten im Vaterland zwischen
den euböischen Städtchen Chalkis und Eretria (die im sogenannten
"lelantinischen Krieg" gipfelten) gab es auch in Cuma. In
diesem Zusammenhang berichten Strabon und Livius, dass die "oikistoi"
(Konsuln) von Pithekoussai, Megastenes (Chalkidiker) und Hippokles
(Eretrianer) sich in einem Kompromiss einigten: die neue Kolonie sollte
als chalkidisch gelten, aber den eretrianischen Namen Kyme (Cuma)
annehmen, nach der Heimat von Hippokles. Schon bald wurde die griechische
Expansion in Kampanien sichtbar: Neapolis (Neapel) war eines der ersten
Ergebnisse dieser Aktionen, die engere Beziehungen zu der ganzen örtlichen
Bevölkerung mit sich brachten und eine immer entschiedenere Politik
den etruskischen Nachbarn gegenüber zur Folge hatten.
Interessant
ist auch das, was die jüngsten archäologischen Forschungen,
die in Rom (C. Carandini) zu Füssen des Palatins noch im Gang
sind, gezeigt haben, nämlich, dass schon im achten Jahrhundert
vor Christus auf diesem Hügel "nicht einfache, verstreute
Häuser aus Schlamm und Stroh standen, sondern eine rechtliche
und religiöse Gemeinschaft, die mit gutem Recht den Titel "Stadt"
für sich beanspruchen kann".