Überhaupt waren die Etrusker ohne Zweifel das am weitesten entwickelte
Volk der italienischen Halbinsel, und bereit, die griechische "Botschaft"
vollständig anzunehmen, und es ist erwiesen, dass die Euböer
von Pithekoussai, wie Ridgway betont, "in den Jahren 770 und
700 v. Chr. ein unlösbares Band zwischen den alten orientalischen
Kulturkreisen und der jüngeren abendländischen Kultur knüpften".
Die von der Insel Pithekoussai gebotenen günstigen örtlichen
Gegebenheiten beschränkten sich nicht nur auf den Hafen. Die
natürliche Akropolis des Monte Vico bildete mit einem einzigen
sehr felsigen Zugangsweg zu Land und mit ihren felsigen Steilabhängen
auf den drei dem Meer zugewandten Seiten den Idealfall einer Zitadelle
für das Oberkommando und die politisch- militärische Koordinierung.
Wie auch aus der heutigen Vegetation zu erkennen ist, aus den Gärten
und Weinbergen, die man teilweise auf den Gipfeln des Vorgebirges
Monte Vico findet, musste die Zone der Akropolis ein paar landwirtschaftliche
Ressourcen "vor Ort" und Brunnen mit Trinkwasser geboten
haben, natürlich dank wohlüberlegter Eingriffe von Menschenhand.
Zur Zeit Ovids, ungefähr 700 Jahre später, war Pithekoussai
schon längst vom römischen Stützpunkt am Meer Aenaria,
da wo sich heute das Aragonerkastell erhebt, in seiner Bedeutung abgelöst
worden. Der alte griechische Ort erschien dem Dichter (Metamorphosen
ZIV, 90) als sterelique locatus colle Pithecusas”, also als
ein steriler Hügel. Dieses Urteil steht aber in schroffem Gegensatz
(P. Monti) zu den reichen römischen Fundgegenständen dieses
Ortes aus jener Zeit. Obwohl sich die Euböer vor allem dem Handwerk
(Metallverarbeitung, Vasenproduktion usw.) und dem Handel widmeten,
ist es sicher, dass Pithekoussai den Kolonisatoren nicht unerhebliche
landwirtschaftliche Möglichkeiten bieten konnte. Strabon zum
Beispiel gibt die Fruchtbarkeit des Inselbodens (eukarpia) als eine
der Hauptfaktoren des grossen Wohlstandes der neuen Kolonie an. Trotzdem
scheint den modernen Autoren die Bemerkung Strabons mehr eine optimistische
Folgerung aus der vulkanischen Natur des Bodens zu sein oder ein oberflächlicher
Kommentar zu den Folgerungen eines Plinius (Nat. Hist. KZZI, 5.9)
oder Statius (Silvae III, 5.104).
Dora Büchner Niola, die in den letzten Jahren ein langes und
gründliches Studium auf diesem Gebiet durchgeführt hat,
bestätigt, dass der Hauptreichtum der Insel im "vortouristischen
Zeitalter" immer die Landwirtschaft gewesen ist, aber nur auf
dem einen speziellen Gebiet des Weinbaues.
Das hängt von der Geländeart ab; die Insel ist hügelig,-
mit Steilwänden, die sich rings um den Monte Epomeo (780 m.über
dem Meer) erheben, und hat einen Bodentyp, der vorwiegend aus vulkanischem
Tuffmaterial besteht und daher arm ist an humus, aber porös und
reich an Mineralien. Unter diesen Bedingungen entwickelt der Weinstock
eine sehr wichtige Tätigkeit, da er imstande ist, die Feuchtigkeit
im Boden zu speichern und mit seinem dichten und zarten Wurzelwerk
die schmalen Terrassenstufen (die schiappe im örtlichen Dialekt)
, die mühevoll an den Hängen des Hügels gebaut sind,
an den Boden zu "fesseln" und so in den herbstlichen und
winterlichen Regenperioden das Ausschwemmen oder sogar das Abrutschen
der so mühevoll gebauten Anlagen zu verhindern (D. Büchner
Niola) .
Trotzdem ist es wahr, dass es nur wenige und zersplitterte Grundstücke
in der Ebene gab, die man pflügen konnnte und die für andere
landwirtschaftliche Kulturen geeignet waren. Eine dichte, niedrige
"mediterrane Macchia" bedeckte bis ins 15. Jahrhundert einen
Grossteil der Insel. Es ist klar, dass das raue Hügelland mit
seiner ständigen Erosion für die ersten euböischen
Kolonisatoren ganz andere Merkmale bot als die "welligen Ebenen",
die zum Beispiel andere Gegenden Italiens für die vorwärtsdrängende
Kolonisierung bieten konnten. (Leontini, Sibari) .
Die landwirtschaftlichen Erträge von Pithekoussai waren jedoch
mehr als ausreichend für die kleine Kolonie, und ausserdem konnte
die Insel andere aussergewöhnlich bedeutsame Schätze bieten
wie das Wasser, das nicht nur warm und mineralhaltig, sondern dazu
auch noch trinkbar war (was für eine Insel des südtyrrhenischen
Meeres durchaus nicht immer die Regel ist) , ferner eine Menge Holz,
das man unter anderem in den "industriellen" Öfen zur
Metallverarbeitung brauchen konnte, üppige Lager von bestem vulkanischen
Ton, dem notwendigen Rohmaterial, um die Vasen industrie auszubauen
(eine Kunst, in der die Euböer schon in ihrer Heimat Meister
waren) . Es ist zu beachten, dass es sich um denselben Ton handelt,
mit dem heute in Ischia, nach einer entsprechenden Reifezeit in heissem,
mineralhaltigem Wasser, die berühmten "therapeutischen Schlammkuren"
gemacht werden.
Die Vasenindustrie von Pithekoussai hatte zwei verschiedene Aspekte.
Da ist zuerst der rein utilitaristische; die grossen Vasen dienen
nämlich als Behälter für Lebensmittel, wie sie in der
öffentlichen und privaten Wirtschaft und auf den langen Seefahrten
gebraucht werden. Und dann ist noch ein künstlerischer, der -
heute - wichtig ist, um eine Vorstellung vom technischen und kulturellen
Niveau des produzierenden Volkes zu bekommen, aber auch - damals -
wichtig war, um durch die direkte Anschauung von symbolischen Darstellungen,
Mythen, literarischen und heiligen Legenden ein leichteres Näherkommen
und ein grösseres "Verständnis" auch zwischen
weit von einander entfernten Völkern zu fördern. Nicht zufällig
erinnern wir uns, dass das Wort Keramik von Keramikos kommt, dem Namen
eines der Söhne Bacchus : eine edle, ganz besonders bedeutsame
Wertschätzung für eine zu Unrecht und in oberflächlicher
Bewertung "geringer" geachtete Kunst. Kein Wunder also,
dass das euböische Geschirr als wertvolles Tauschobjekt gegen
die begehrten etruskischen Metalle angesehen wurde. Auf rein künstlerischer
Ebene erfahren die eher kleinen Vasen, Amphoren, Becher usw. im Lauf
von wenigen Generationen eine stilistische Entwicklung, die die entsprechenden
künstlerischen Richtungen im Mutterland, die teilweise erfolgte
Verschmelzung mit der kampanischen Kunst und die Handelsverbindungen
im Mittelmmerraum in sich vereinigt und widerspiegelt.