Ischia
Grundzüge der Geschichte,Mythen und Wirklichkei
t

von Massimo Mancioli
("La Rassegna d'Ischia" 1992)

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Überhaupt waren die Etrusker ohne Zweifel das am weitesten entwickelte Volk der italienischen Halbinsel, und bereit, die griechische "Botschaft" vollständig anzunehmen, und es ist erwiesen, dass die Euböer von Pithekoussai, wie Ridgway betont, "in den Jahren 770 und 700 v. Chr. ein unlösbares Band zwischen den alten orientalischen Kulturkreisen und der jüngeren abendländischen Kultur knüpften".
Die von der Insel Pithekoussai gebotenen günstigen örtlichen Gegebenheiten beschränkten sich nicht nur auf den Hafen. Die natürliche Akropolis des Monte Vico bildete mit einem einzigen sehr felsigen Zugangsweg zu Land und mit ihren felsigen Steilabhängen auf den drei dem Meer zugewandten Seiten den Idealfall einer Zitadelle für das Oberkommando und die politisch- militärische Koordinierung.
Wie auch aus der heutigen Vegetation zu erkennen ist, aus den Gärten und Weinbergen, die man teilweise auf den Gipfeln des Vorgebirges Monte Vico findet, musste die Zone der Akropolis ein paar landwirtschaftliche Ressourcen "vor Ort" und Brunnen mit Trinkwasser geboten haben, natürlich dank wohlüberlegter Eingriffe von Menschenhand. Zur Zeit Ovids, ungefähr 700 Jahre später, war Pithekoussai schon längst vom römischen Stützpunkt am Meer Aenaria, da wo sich heute das Aragonerkastell erhebt, in seiner Bedeutung abgelöst worden. Der alte griechische Ort erschien dem Dichter (Metamorphosen ZIV, 90) als sterelique locatus colle Pithecusas”, also als ein steriler Hügel. Dieses Urteil steht aber in schroffem Gegensatz (P. Monti) zu den reichen römischen Fundgegenständen dieses Ortes aus jener Zeit. Obwohl sich die Euböer vor allem dem Handwerk (Metallverarbeitung, Vasenproduktion usw.) und dem Handel widmeten, ist es sicher, dass Pithekoussai den Kolonisatoren nicht unerhebliche landwirtschaftliche Möglichkeiten bieten konnte. Strabon zum Beispiel gibt die Fruchtbarkeit des Inselbodens (eukarpia) als eine der Hauptfaktoren des grossen Wohlstandes der neuen Kolonie an. Trotzdem scheint den modernen Autoren die Bemerkung Strabons mehr eine optimistische Folgerung aus der vulkanischen Natur des Bodens zu sein oder ein oberflächlicher Kommentar zu den Folgerungen eines Plinius (Nat. Hist. KZZI, 5.9) oder Statius (Silvae III, 5.104).
Dora Büchner Niola, die in den letzten Jahren ein langes und gründliches Studium auf diesem Gebiet durchgeführt hat, bestätigt, dass der Hauptreichtum der Insel im "vortouristischen Zeitalter" immer die Landwirtschaft gewesen ist, aber nur auf dem einen speziellen Gebiet des Weinbaues.
Das hängt von der Geländeart ab; die Insel ist hügelig,- mit Steilwänden, die sich rings um den Monte Epomeo (780 m.über dem Meer) erheben, und hat einen Bodentyp, der vorwiegend aus vulkanischem Tuffmaterial besteht und daher arm ist an humus, aber porös und reich an Mineralien. Unter diesen Bedingungen entwickelt der Weinstock eine sehr wichtige Tätigkeit, da er imstande ist, die Feuchtigkeit im Boden zu speichern und mit seinem dichten und zarten Wurzelwerk die schmalen Terrassenstufen (die schiappe im örtlichen Dialekt) , die mühevoll an den Hängen des Hügels gebaut sind, an den Boden zu "fesseln" und so in den herbstlichen und winterlichen Regenperioden das Ausschwemmen oder sogar das Abrutschen der so mühevoll gebauten Anlagen zu verhindern (D. Büchner Niola) .
Trotzdem ist es wahr, dass es nur wenige und zersplitterte Grundstücke in der Ebene gab, die man pflügen konnnte und die für andere landwirtschaftliche Kulturen geeignet waren. Eine dichte, niedrige "mediterrane Macchia" bedeckte bis ins 15. Jahrhundert einen Grossteil der Insel. Es ist klar, dass das raue Hügelland mit seiner ständigen Erosion für die ersten euböischen Kolonisatoren ganz andere Merkmale bot als die "welligen Ebenen", die zum Beispiel andere Gegenden Italiens für die vorwärtsdrängende Kolonisierung bieten konnten. (Leontini, Sibari) .
Die landwirtschaftlichen Erträge von Pithekoussai waren jedoch mehr als ausreichend für die kleine Kolonie, und ausserdem konnte die Insel andere aussergewöhnlich bedeutsame Schätze bieten wie das Wasser, das nicht nur warm und mineralhaltig, sondern dazu auch noch trinkbar war (was für eine Insel des südtyrrhenischen Meeres durchaus nicht immer die Regel ist) , ferner eine Menge Holz, das man unter anderem in den "industriellen" Öfen zur Metallverarbeitung brauchen konnte, üppige Lager von bestem vulkanischen Ton, dem notwendigen Rohmaterial, um die Vasen industrie auszubauen (eine Kunst, in der die Euböer schon in ihrer Heimat Meister waren) . Es ist zu beachten, dass es sich um denselben Ton handelt, mit dem heute in Ischia, nach einer entsprechenden Reifezeit in heissem, mineralhaltigem Wasser, die berühmten "therapeutischen Schlammkuren" gemacht werden.
Die Vasenindustrie von Pithekoussai hatte zwei verschiedene Aspekte. Da ist zuerst der rein utilitaristische; die grossen Vasen dienen nämlich als Behälter für Lebensmittel, wie sie in der öffentlichen und privaten Wirtschaft und auf den langen Seefahrten gebraucht werden. Und dann ist noch ein künstlerischer, der - heute - wichtig ist, um eine Vorstellung vom technischen und kulturellen Niveau des produzierenden Volkes zu bekommen, aber auch - damals - wichtig war, um durch die direkte Anschauung von symbolischen Darstellungen, Mythen, literarischen und heiligen Legenden ein leichteres Näherkommen und ein grösseres "Verständnis" auch zwischen weit von einander entfernten Völkern zu fördern. Nicht zufällig erinnern wir uns, dass das Wort Keramik von Keramikos kommt, dem Namen eines der Söhne Bacchus : eine edle, ganz besonders bedeutsame Wertschätzung für eine zu Unrecht und in oberflächlicher Bewertung "geringer" geachtete Kunst. Kein Wunder also, dass das euböische Geschirr als wertvolles Tauschobjekt gegen die begehrten etruskischen Metalle angesehen wurde. Auf rein künstlerischer Ebene erfahren die eher kleinen Vasen, Amphoren, Becher usw. im Lauf von wenigen Generationen eine stilistische Entwicklung, die die entsprechenden künstlerischen Richtungen im Mutterland, die teilweise erfolgte Verschmelzung mit der kampanischen Kunst und die Handelsverbindungen im Mittelmmerraum in sich vereinigt und widerspiegelt.

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