Homer
(Odyssee, IV 846) beschreibt einen ähnlichen "doppelten"
Anlegeplatz auf der griechischen Insel Asteris, wo die Freier dem
Sohn des Odysseus, Telemach, bei seiner Rückkehr nach Ithaka
einen Hinterhalt bereiteten. Sicher kannten die Euböer - wie
die berühmte "Coppa
des Nestor", die 1959 von G. Büchner in der Nekropole
von San Montano gefunden wurde, es beweist-genau die Verse Homers:
literarische Kultur und Seefahrerfähigkeiten scheinen hier zusammenzutreffen.
Die Tatsache, daß Pithekoussai die erste griechische Kolonie
im Abendland war, hat im Rahmen der Kulturentwicklung ihre besondere
Bedeutung, die weit über dem üblichen Lokalpatriotismus
und Heimatstolz steht. Wir wollen daran erinnern, dass diese Tatsache
das Ergebnis von langen, schwierigen und gewissenhaften archäologischen
Forschungen ist, die 1952 von einem der bekanntesten und geschätztesten
europäischen Archäologen, Georg Büchner, dem Leiter
der Oberintendanz von Neapel, in Angriff genommen wurden und zuweilen
auch mit der Unterstützung von Assistenten der Pennsylvania University
und seit 1962 in Zusammenarbeit mit einem anderen, sehr bekannten
europäischen Archäologen, David Ridgway, Professor für
Archäologie an der Universität von Edinburgh und Direktionsmitglied
des British Museum von London betrieben wurden. Ein bedeutender Beitrag,
besonders über alles, was sich auf die römische Zeit von
Ischia, auf die Berichte über die ersten Zeugnisse des neuen
christlichen Glaubens (siehe die Hl. Restituta, die nicht nur Schutzpatronin
der Insel ist, sondern jahrhundertelang im ganzen Mittelmeerbecken
verehrt wurde) , und auf die byzantinische Zeit bezieht, kommt von
Don Pietro Monti, aus Lacco, dem Rektor der Basilika der hl. Restituta
und Schöpfer des im Unterboden der Basilika untergebrachten archäologischen
Museums in Lacco Ameno, dank dessen leidenschaftlicher Forschungstätigkeit
und gründlicher Kenntnis des Insellandes.
Nach Beendigung der archäologischen Forschungen hat D. Ridgway
in dem zusammen mit G. Büchner herausgegebenen Buch über
Pithe koussai schon mit dem Titel selbst des Werkes (Die Frühzeit
von Magna Graecia) , den zeitlichen Vorrang der griechischen Kolonie
unterstrichen, die von den Euböern auf ihrem Vordringen in das
Abendland auf Ischia gegründet wurde: Pithekoussai war die erste
Kolonie und ein Ort der Verschmelzung und der Begegnung in der Entwicklung
der abendländischen Kulturwelt zu jenen Kultur- und Zivilisationsformen,
die wir heute als die unseren betrachten. Es ist ausser Zweifel, dass
im achten Jahrhundert v. Chr. die Griechen aus Euböa über
Pithekoussai die grundlegenden Elemente des neuen abendländischen
Kulturkreises zu den Etruskern gebracht haben: die Schrift, sowie
Begriff und Praxis der Polis, d.h. des Stadtstaates, im Innern rationell
organisiert, mit einer Regierung und einem Verteidigungs- und Machtzentrum
auf der Akropolis, mit einer Nekropole, einer Industriezone und einem
Wohnge biet. Die Polis mit ihrer elitären Regierung beschäftigte
sich aktiv mit der Aussenwelt, indem sie eine ständige Expansionspolitik
und Tauschhandel im ganzen Mittelmeerraum betrieb. Einige Fundstücke
bezeugen dieses dichte von den Euböern gewebte Handelsnetz.
Zweifelsohne ist das bedeutendste "literarische Dokument"
griechisch- chalkidischen Ursprunges, das in Pithekoussai gefunden
wurde, die schon erwähnte "Coppa des Nestor". Die Schale
(skyphos) "ist von wirklich aussergewöhnlicher Bedeutung,
da sie eine der wenigen vollständigen Inschriften enthält,
die uns nach den Dichtungen der Ilias und der Odyssee überkommen
sind".
Auf der Schale, die Buchstabe für Buchstabe mit kundiger und
geduldiger Hand vom Entdecker selbst aus den Scherben wieder zusammengefügt
wurde (diese wurde im Verlauf des festlichen Leichenmahles, zu dem
sie bestimmt war, zeremoniell zerbrochen) , liest man die mit einem
Bronzegriffel eingeritzte Inschrift von rechts nach links (in linksschreitender
Zeile) d.h.. in der allerältesten griechischen Schriftform. Die
Schale wird auf das Jahr 720 v. Chr. (G. Büchner) datiert. Noch
weit überraschender ist - für unsere heutige Denkungsart
- der Wortlaut der Inschrift, den J. Boardman wie folgt liest, wobei
er den .ursprünglichen Hexameter unbeachtet lässt: "Nestor
hatte eine Schale, aus der zu trinken es sich lohnte, aber wer aus
der meinen trinkt, wird sofort von der Sehnsucht nach der blonden
Aphrodite erfasst". Für die Experten ist das ein klarer
Bezug auf den 11. Gesang der Odyssee, wo von Nestor gesprochen wird
und seinem herrlichen Becher, aus dem er das trinkt, was ihm seine
treue Hekamedes eingeschenkt hat. Es ist sicherlich, wie P. Monti
schreibt, "ein Gedicht anlässlich eines Festmahles, das
aus einem von heftiger Liebe erfüllten Herzen kommt. Es ist die
offene Herausforderung eines Pithekusaners, der seinen zerbrechlichen
Tonbecher voll Wein in den Händen hat und ihn mit dem königlichen
Becher des weisen Nestor vergleicht. Es ist ein Triumpfschrei der
Liebe, ein gefühlvoller Gesang der Lebensfreude. Und dann erhebt
sich aus dem dunklen Grund des berauschenden Kelches eine lebendige
Erinnerung an die trojanische Geschichte: an jene homerischen Sagen,
die von den ersten griechischen Kolonisatoren im Okzident erzählt
wurden, so wie sie der Sänger Demodokos am Tisch des Phäakerkönigs
Alkinoos vorgetragen hat ".
Andere Funde von grosser archäologischer Bedeutung sind in dem
Museum der Villa Arbusto (abgekürzt: M.V.A.) in Lacco Ameno aufbewahrt,
das zur Aufnahme der reichen Forschungsergebnisse von G. Büchner
und Kollegen eingerichtet wurde. Da gibt es z.B. eine der ältesten,
heute bekannten Darstellungen von Achilles und Ajax, ein Fragment
eines euböischen Tellers, auf dem zum ersten Male in der Geschichte
der Name des Künstlers steht, einen Teller mit dem "Schiffbruch
von Pithekoussai", eine reichhaltige Siegelsammlung von mediterranen
Kaufleuten; Funde ägyptischer Herkunft, berühmte Persönlichkeiten
aus der Kolonie, wertvolle Teller, Amphoren, aus Mittelmeerländern
importierte Vasen und solche aus lokaler Produktion usw. Oft sind
diese Funde einmalig in ihrer Art.
Es ist mehr als deutlich, dass die Wahl des Standortes von Pithekoussai
als der ersten griechischen Siedlung im Abendland eine wohlüberlegte
Entscheidung und kein Zufall war. Die geographische Lage der Insel
im Tyrrhenischen Meer, in rechtem Abstand zur kampanischen Küste
und zum südlichen Pol der etruskischen Einflusszone, die Naturschätze
des Inselgebietes, der doppelte, sichere, vom Vorgebirge Monte Vico
geschützte Hafen im heutigen Lacco Ameno usw. waren für
die Euböer ausschlaggebende Gründe für ihre Wahl. Die
Möglichkeit, aus sicherer Position heraus mit den Etruskern und
deren Mineralerzlagern in Kontakt zu kommen, war zweifellos das vornehmste
Ziel der neuen Kolonie.
Sir George Beazley schreibt, wie Ridgway erwähnt, dass die Völker
im Okzident, mit denen die Griechen in Berührung kamen, auf einer
niedrigeren Entwicklungsstufe standen als sie selbst, während
im Orient lange Zeit hindurch und unter vielen Gesichtspunkten, gerade
das Gegenteil der Fall war.

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