Ischia
Grundzüge der Geschichte,Mythen und Wirklichkei
t

von Massimo Mancioli
("La Rassegna d'Ischia" 1992)

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Homer (Odyssee, IV 846) beschreibt einen ähnlichen "doppelten" Anlegeplatz auf der griechischen Insel Asteris, wo die Freier dem Sohn des Odysseus, Telemach, bei seiner Rückkehr nach Ithaka einen Hinterhalt bereiteten. Sicher kannten die Euböer - wie die berühmte "Coppa des Nestor", die 1959 von G. Büchner in der Nekropole von San Montano gefunden wurde, es beweist-genau die Verse Homers: literarische Kultur und Seefahrerfähigkeiten scheinen hier zusammenzutreffen. Die Tatsache, daß Pithekoussai die erste griechische Kolonie im Abendland war, hat im Rahmen der Kulturentwicklung ihre besondere Bedeutung, die weit über dem üblichen Lokalpatriotismus und Heimatstolz steht. Wir wollen daran erinnern, dass diese Tatsache das Ergebnis von langen, schwierigen und gewissenhaften archäologischen Forschungen ist, die 1952 von einem der bekanntesten und geschätztesten europäischen Archäologen, Georg Büchner, dem Leiter der Oberintendanz von Neapel, in Angriff genommen wurden und zuweilen auch mit der Unterstützung von Assistenten der Pennsylvania University und seit 1962 in Zusammenarbeit mit einem anderen, sehr bekannten europäischen Archäologen, David Ridgway, Professor für Archäologie an der Universität von Edinburgh und Direktionsmitglied des British Museum von London betrieben wurden. Ein bedeutender Beitrag, besonders über alles, was sich auf die römische Zeit von Ischia, auf die Berichte über die ersten Zeugnisse des neuen christlichen Glaubens (siehe die Hl. Restituta, die nicht nur Schutzpatronin der Insel ist, sondern jahrhundertelang im ganzen Mittelmeerbecken verehrt wurde) , und auf die byzantinische Zeit bezieht, kommt von Don Pietro Monti, aus Lacco, dem Rektor der Basilika der hl. Restituta und Schöpfer des im Unterboden der Basilika untergebrachten archäologischen Museums in Lacco Ameno, dank dessen leidenschaftlicher Forschungstätigkeit und gründlicher Kenntnis des Insellandes.
Nach Beendigung der archäologischen Forschungen hat D. Ridgway in dem zusammen mit G. Büchner herausgegebenen Buch über Pithe koussai schon mit dem Titel selbst des Werkes (Die Frühzeit von Magna Graecia) , den zeitlichen Vorrang der griechischen Kolonie unterstrichen, die von den Euböern auf ihrem Vordringen in das Abendland auf Ischia gegründet wurde: Pithekoussai war die erste Kolonie und ein Ort der Verschmelzung und der Begegnung in der Entwicklung der abendländischen Kulturwelt zu jenen Kultur- und Zivilisationsformen, die wir heute als die unseren betrachten. Es ist ausser Zweifel, dass im achten Jahrhundert v. Chr. die Griechen aus Euböa über Pithekoussai die grundlegenden Elemente des neuen abendländischen Kulturkreises zu den Etruskern gebracht haben: die Schrift, sowie Begriff und Praxis der Polis, d.h. des Stadtstaates, im Innern rationell organisiert, mit einer Regierung und einem Verteidigungs- und Machtzentrum auf der Akropolis, mit einer Nekropole, einer Industriezone und einem Wohnge biet. Die Polis mit ihrer elitären Regierung beschäftigte sich aktiv mit der Aussenwelt, indem sie eine ständige Expansionspolitik und Tauschhandel im ganzen Mittelmeerraum betrieb. Einige Fundstücke bezeugen dieses dichte von den Euböern gewebte Handelsnetz.
Zweifelsohne ist das bedeutendste "literarische Dokument" griechisch- chalkidischen Ursprunges, das in Pithekoussai gefunden wurde, die schon erwähnte "Coppa des Nestor". Die Schale (skyphos) "ist von wirklich aussergewöhnlicher Bedeutung, da sie eine der wenigen vollständigen Inschriften enthält, die uns nach den Dichtungen der Ilias und der Odyssee überkommen sind".
Auf der Schale, die Buchstabe für Buchstabe mit kundiger und geduldiger Hand vom Entdecker selbst aus den Scherben wieder zusammengefügt wurde (diese wurde im Verlauf des festlichen Leichenmahles, zu dem sie bestimmt war, zeremoniell zerbrochen) , liest man die mit einem Bronzegriffel eingeritzte Inschrift von rechts nach links (in linksschreitender Zeile) d.h.. in der allerältesten griechischen Schriftform. Die Schale wird auf das Jahr 720 v. Chr. (G. Büchner) datiert. Noch weit überraschender ist - für unsere heutige Denkungsart - der Wortlaut der Inschrift, den J. Boardman wie folgt liest, wobei er den .ursprünglichen Hexameter unbeachtet lässt: "Nestor hatte eine Schale, aus der zu trinken es sich lohnte, aber wer aus der meinen trinkt, wird sofort von der Sehnsucht nach der blonden Aphrodite erfasst". Für die Experten ist das ein klarer Bezug auf den 11. Gesang der Odyssee, wo von Nestor gesprochen wird und seinem herrlichen Becher, aus dem er das trinkt, was ihm seine treue Hekamedes eingeschenkt hat. Es ist sicherlich, wie P. Monti schreibt, "ein Gedicht anlässlich eines Festmahles, das aus einem von heftiger Liebe erfüllten Herzen kommt. Es ist die offene Herausforderung eines Pithekusaners, der seinen zerbrechlichen Tonbecher voll Wein in den Händen hat und ihn mit dem königlichen Becher des weisen Nestor vergleicht. Es ist ein Triumpfschrei der Liebe, ein gefühlvoller Gesang der Lebensfreude. Und dann erhebt sich aus dem dunklen Grund des berauschenden Kelches eine lebendige Erinnerung an die trojanische Geschichte: an jene homerischen Sagen, die von den ersten griechischen Kolonisatoren im Okzident erzählt wurden, so wie sie der Sänger Demodokos am Tisch des Phäakerkönigs Alkinoos vorgetragen hat ".
Andere Funde von grosser archäologischer Bedeutung sind in dem Museum der Villa Arbusto (abgekürzt: M.V.A.) in Lacco Ameno aufbewahrt, das zur Aufnahme der reichen Forschungsergebnisse von G. Büchner und Kollegen eingerichtet wurde. Da gibt es z.B. eine der ältesten, heute bekannten Darstellungen von Achilles und Ajax, ein Fragment eines euböischen Tellers, auf dem zum ersten Male in der Geschichte der Name des Künstlers steht, einen Teller mit dem "Schiffbruch von Pithekoussai", eine reichhaltige Siegelsammlung von mediterranen Kaufleuten; Funde ägyptischer Herkunft, berühmte Persönlichkeiten aus der Kolonie, wertvolle Teller, Amphoren, aus Mittelmeerländern importierte Vasen und solche aus lokaler Produktion usw. Oft sind diese Funde einmalig in ihrer Art.
Es ist mehr als deutlich, dass die Wahl des Standortes von Pithekoussai als der ersten griechischen Siedlung im Abendland eine wohlüberlegte Entscheidung und kein Zufall war. Die geographische Lage der Insel im Tyrrhenischen Meer, in rechtem Abstand zur kampanischen Küste und zum südlichen Pol der etruskischen Einflusszone, die Naturschätze des Inselgebietes, der doppelte, sichere, vom Vorgebirge Monte Vico geschützte Hafen im heutigen Lacco Ameno usw. waren für die Euböer ausschlaggebende Gründe für ihre Wahl. Die Möglichkeit, aus sicherer Position heraus mit den Etruskern und deren Mineralerzlagern in Kontakt zu kommen, war zweifellos das vornehmste Ziel der neuen Kolonie.
Sir George Beazley schreibt, wie Ridgway erwähnt, dass die Völker im Okzident, mit denen die Griechen in Berührung kamen, auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe standen als sie selbst, während im Orient lange Zeit hindurch und unter vielen Gesichtspunkten, gerade das Gegenteil der Fall war.

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