Der aussergewöhnliche
Reichtum der Thermalwasservorkommen von Ischia, mit seinen zahlreichen
warmen Quellen (Thermal- und Hyperthermalquellen) und seinen fumarole
(wo heisser Dampf aus dem Erdboden kommt) hat seit den ersten Anfängen
unserer Zivilisation die antike Welt in ihren Bann gezogen.
Seit Homers Zeiten haben Dichter, Erdkundler, Historiker, Naturwissenschaftler
und Ärzte (Timeon, Ephor, Plinius der Ältere, Strabon usw.)
immer wieder von dieser Insel gesprochen, die diese so interessanten
Naturschauspiele und gleichzeitig ziemlich häufig vulkanische
Erscheinungen bot. Wie die bedeutendsten Fachleute auf diesem Gebiet
(A. Rittmann, F. Penta) betonen, war der geologische Moment des griechisch-
römischen Zeitalters für Ischia ungünstig (aber die
"geologischen Momente" dauern Jahrhunderte). Dieselben Autoren
halten dagegen den gegenwärtigen "geologischen Moment"
für sehr günstig, weil die hydrogeologischen Erscheinungen
sich nur "nach Maß für den Menschen", als hyperthermale
Quellen und als fumarole, zeigen. Sie sind also einzig und allen wohltätig
(B. Santi).
Es ist heute bewiesen, daß im 8. Jahrhundert vor Christus sich
die ersten griechischen Kolonisatoren, die von der Insel Eubös
herkamen, auf der Insel Ischia niederliessen und ganz schnell die
Möglichkeit erkannten, einige Quellen der Insel zu Heilzwecken,
für Bäder und für Trinkkuren, zu nutzen. Ein klarer
Beweis dafür ist die Quelle Nitrodi, die in all den Jahrhunderten
den originalen, griechischen Namen unverändert behalten hat (sie
war dem Gott Apollo und den Nitroden- Nymphen geweiht).
Im Altertum versuchte man, eine mythisch- naturalistische Erklärung
für all diese oben erwähnten Naturerscheinungen zu finden.
So entstand der Mythos vom Riesen Typhäon, der mit den anderen
Titanen von Zeus davongejagt und ins Tyrrhenische Meer gestürzt
wurde. Dort wurde er in Ketten gelegt, aber nie ganz bezwungen, und
mit seinem riesigen und unruhigen Körper bildete er das gesamte
Inselmassiv und war die Ursache all dieser verschiedenen vulkanischen
und hydrogeologischen Naturerscheinungen, die charakteristisch für
die Insel sind.
Der spontane Versuch, mit Verstand alle, von den neuen Ländern
im Abendland gebotenen, natürlichen Schätze zu nutzen -
därunter die hydrothermalen Vorkommen von Ischia - ist ein Kennzeichen
der neuen Kultur, die sich um das achte Jahrhundert vor Christus im
Mittelmeerraum entwickelt. Ein Blick auf die Landkarte, die von der
Küste Kleinasiens bis nach Ischia reicht, lässt uns, auch
in Anbetracht der bescheidenen Seetüchtigkeit der damaligen Schiffe,
höchst überreischt über das mutige Vordringen nach
Westen der Griechen aus der Insel Euböa. Die Gründe dieses
kühnen Dranges nach dem Abendland scheinen in einer zunehmenden
inneren wirtschaftlichen und politischen Krise zu liegen und auch
in der Notwendigkeit, eine vetrauenswürdige Handelsbasis in den
fernen Ländern im Westen zu finden, die ihnen seit der Zeit der
Phönizier wegen ihres Reichtums an Industriemetallen bekannt
waren, welche ein Volk immer nötiger zu seinem Aufstieg braucht.
Eisen, Blei, Kupfer und Zinn waren unentbehrlich geworden für
die Waffenproduktion und zum Aufbau einer Marine, die imstande sein
musste, die Handelswege in einem immer grösseren Aktionsradius
im Mittelmeerbecken zu organisieren und zu beschützen. Bereits
seit dem zehnten Jahrhundert vor Christus hatten die Phönizier
begonnen, das mittlere und nördliche Mittelmeer zu befahren und
solide Handelsstützpunkte in den wichtigsten erzhaltigen Gegenden
zu schaffen (besonders in Spanien und in Sardinien). Es war praktisch
ein phönizisches Monopol für die Metalle entstanden, das
die Euböer sicher nicht durchbrechen konnten. Außerdem
scheint es ziemlich schwer gewesen zu sein, vorteilhafte Tauschgeschäfte
mit den harten Phöniziern zu machen. Sehr viel erfolgversprechender
erschienen den Euböern daher Beziehungen mit den Etruskern, die
auch Herren von interessanten erzhaltigen Gegenden im oberen Latium,
in der Toskana und auf der Insel Elba waren. Aus all diesen Gründen
trachteten die zwei bedeutendsten euböischen Städte, Chalkis
und Eretria, danach, auf Ischia einen dauerhaften Brückenkopf,
eine richtige Kolonie zu schaffen, genau an der südlichen Grenze
des etruskischen Einflussbereiches.
Diese erste griechische Kolonie im Abendland, die älter ist als
Magna Graecia, wurde von den Euböern gegründet, wahrscheinlich
um 770 v. Chr. und sie erhielt den Namen Pithekoussai, in Anklang
an die Produktion von grossen Vasen (pithioi). Frühere phönizische
Ansiedlungen, die der Archeologe G. Büchner in dem gedrungenen
Vorgebirge von Castiglione, zwischen Casamicciola und Ischia Porto,
entdeckte, hatten ganz anderen Charakter: es waren eher Zwischenstationen
ohne die üblichen Merkmale einer dauerhaften Ansiedlung (jener
Bereich der Küste ist ganz offen den Winden ausgesetzt, also
als Hafen ungeeignet und kein das ganze Jahr über sicherer Anlegeplatz).
Dagegen haben die griechischen Kolonisatoren das Problem eines sicheren
Hafens gelöst, indem sie die beiden Strände verwendeten,
die damals viel größer waren und sich zu beiden Seiten
des grossen Vorgebirges von Monte Vico, im heutigen Lacco Ameno, erstreckten.
Links des Vorgebirges, im Westen, schliesst sich die tiefe Bucht von
San Montano an, die ihrerseits im Schutz des waldigen Vorgebirges
Punta della Cornacchia liegt. Auf der anderen, östlichen, Seite
des Monte Vico öffnet sich der Strand von Lacco Ameno, der damals
auch viel grösser war und wo man auf dem Trockenen zahlreiche
Schiffe unterbringen konnte.
Noch heute kann man am Fuss des "fungo" (d.h. Pilz) des
charakteristischen Tuffsteinmassivs ganz nahe am Strand von Lacco
- rohe, aber praktische, zur Vertäuung dienende Einschnitte sehen,
die in späterer Zeit in den Tuffstein gehauen worden waren.
An diesem Küstenabschnitt, an den nur diejenigen Wellen schlagen,
die von Winden im Bereich des ersten Kompassquadranten verursacht
werden, können tüchtige Seeleute immer rechtzeitig voraussehen,
welcher der beiden Anlegeplätze unsicher wird, und folglich die
Schiffe zum anderen verlegen. Nur sehr selten werden beide Plätze
gleichzeitig unsicher und die Boote müssen dann aufs Trockene
gezogen werden.